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Theory
of The Gift Economy


Intro

Kapitel 1
Am Anfang

Kapitel 2
Sprache und Denken

Kapitel 3
Reziprozität

Kapitel 4
Definition und Tausch

Kapitel 5
Die Kategorie des Menschen

Kapitel 6
Marksistische“ Kategorien

Kapitel 7
Die kollektive Quelle

Kapitel 8
Kastrationsneid

Kapitel 9
Is = $

Kapitel 10
Wert

Kapitel 11
Der Übergang zum Tausch

Kapitel 12
Wie dem Tausch Wert geschenkt wird

Kapitel 13
Markt und Geschlecht

Kapitel 14
Zu existieren verdienen

Kapitel 15
Das Zeigen und das Patriarchat

Kapitel 16
Das Zeigen des Egos

Kapitel 17
Was repräsentiert die Demokratie?

Kapitel 18
Die nicht-maskulisierten Protagonistinnen gesellschaftlichen Wandels

Kapitel 19
Traum und Realität

Kapitel 20
Schenken und Liebe

Kapitel 21
Vom Garten zum Gral

Kapitel 22
Kosmologische Spekulationen

Kapitel 23
Nach den Wörtern – die Theorie in der Praxis

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Schenken und Liebe

Ich denke, dass der englische Ausdruck carnal knowledge (carnal = körperlich, knowledge = Wissen – Anm. d. Übers.) für Geschlechtsverkehr gut gewählt ist. Ein großer Teil unserer Erfahrung von Liebe und Sex hat damit zu tun, die andere Person nicht nur spirituell, sondern auch körperlich kennen zu lernen und wahrzunehmen – gemäß dem Saatkorn des Schenkens und Empfangens. Dieses Wissen impliziert ein Ausgerichtet-Sein auf die andere Person, die zum Teil die Grundlage für die – aus der Liebesliteratur sehr bekannte – Erfahrung ist, „sein Selbst zu verlieren“. In einer Gesellschaft, die nach dem Muster des Tauschprinzips aufgebaut ist, haben viele von uns jedoch gelernt, nicht auf Andere ausgerichtet zu sein. Liebe kann somit zu einer überwältigenden Erfahrung werden, zu einer Erforschung der Schenkökonomie, einer Möglichkeit, die Welt neu wahrzunehmen und eine menschliche Gemeinschaft – wenn auch nur von Zweien – zu schaffen.

In der Liebesbeziehung verbinden wir uns gemäß des Schenkens. So wie Adam die Geschöpfe Edens benannte und mit Eva über sie sprach, so werden wir der spezifischen wie allgemeinen Charakteristika der geliebten Person bewusst, aber auch des Bewusstseins, dass sie von sich selbst haben. Die Liebe verändert unsere individuellen Einstellungen des Auf-Andere-Ausgerichtet-Seins, zumindest für den Augenblick. Wir beginnen, einander zu brauchen, und wir wollen einander schenken. Ja wir beginnen sogar, das Bedürfnis der anderen Person nach uns zu brauchen, danach, dass wir ihr schenken. Damit verbinden wir uns mit ihren Begierden. Vielleicht ist es der auf Andere ausgerichtete Aspekt der Liebe, der uns in dieser Gesellschaft, in der wir leben, dazu bringt, über sie zu singen, zu reden und uns so sehr nach ihr zu sehnen. Selbst PredigerInnen und FriedensaktivistInnen sagen: „Liebe ist der Weg!“ Die einzigen, die das nicht tun, sind Ökonomen. (Und Therapeuten, die sich um co-dependency Sorgen machen).

Es gibt einen Teil unseren Verstandes (unseres wirklichen Verstandes), der uns sagt, was wir tun sollen. Er verwendet dazu oft die Beziehungen, in denen wir uns befinden. Ich denke, es ist für diesen Teil des Verstandes schwierig, allgemeine Bedeutung zu erhalten. Ich brauchte eine Zeit, um zu erkennen, dass es sich dabei wirklich um Ökonomie handelt. Was uns unser Verstand sagt, ist: „Schenke! Ändere das Ego! Sorge für die andere Person im Überfluss!“ Freud und Autorinnen wie Nancy Friday, die fanden, dass wir in den Beziehungen, die wir mit Männern eingehen, nach unseren Müttern suchen, haben das Lodern der Schenkökonomie gesehen, das für die meisten unsichtbar geworden ist.

Tatsächlich kann die Liebesbeziehung einen Mann dazu bringen, auf eine fürsorglichere Weise zu handeln, als er das je zuvor getan hat. Sie kann ihn dazu bringen, sein Ego beiseite zu schieben und wie eine Mutter ihrem Kind gegenüber zu handeln („I love you, Baby!“), insbesondere wenn die Mutter es auch gewöhnt war, in der Tauschökonomie zu leben und ihre Werte angenommen hat. Das Gefühl des Glücks, das von reziproker Fürsorge in der Liebesbeziehung kommt (die auf dem Rollenwechsel und nicht auf dem Tausch beruht), ist die Erfahrung der Schenkökonomie zwischen Erwachsenen. Diese Erfahrung wird weiter bestärkt von der Tatsache, dass die Liebesbeziehung eine Gemeinschaft von Zweien ist, da in den Ökonomien unserer meisten gegenwärtigen Gemeinschaften die Fürsorge keine Rolle spielt. Es mag so aussehen, als würde die Liebesbeziehung einen Ort des Glücks in einer verrückt gewordenen Welt bilden – und sie tut es.

Doch auch die Gemeinschaft der Zweien wird bald von ihrer feindseligen Umwelt geändert und ihr Fortbestehen wird bedroht. Wie eine tropische Blume, die in einem nördlichen Klima wächst, braucht sie zum Überleben spezielle Bedingungen, harte Arbeit, Aufmerksamkeit, Schutz – all dies kann Gefühle der Wärme und des Überflusses bald verdrängen, sodass die zarte Pflanze zu fühlen beginnt, dass sie wirklich am falschen Ort ist. Dies passiert auch mit der Liebe. Doch dies ist nicht ihre Schuld, sondern jene des allgemeinen Mangels an Liebe bzw. des allgemeinen Mangels überhaupt. Je mehr vom Mangel geschaffenes Elend es in der Welt gibt, desto feindseliger werden die Bedingungen für die Liebesbeziehung in ihrer Mitte.

Die Liebenden werden dazu gezwungen, sich an die ökonomische Bedingungen anzupassen. Gewöhnlich teilen sie die Arbeit nach heterosexuellen Mustern auf: der Mann tritt zur Gänze in die Tauschökonomie ein, während die Frau fürsorglich ist (selbst wenn auch sie in die Tauschökonomie involviert ist). Ihre Egos verändern sich entsprechend. Frauen geben uns nach wie vor unser größtes Geschenk, indem sie Kinder auf die Welt bringen und sie in das Schenkprinzip einführen. Die völlige Abhängigkeit der Kinder erfordert dies. Den in der Tauschökonomie konkurrierenden Männern fehlt der Rettungsanker der Kinder bzw. der Notwendigkeit, sie versorgen zu müssen, um sich wenigstens zum Teil psychologisch vom Tauschprinzip abgrenzen zu können. Die Anteilnahme an der Tauschökonomie scheint die einzige Überlebensmöglichkeit für sie und ihre Familie zu sein. Auch die Frauen glauben dies oft und beginnen daher, in ihren Partnern (und manchmal in sich selbst) jene Charakteristika zu stärken, die ihnen helfen, in der Tauschökonomie erfolgreich zu sein. Die Liebe und Fürsorge wird bis zu einer passenderen Zeit aufgeschoben. Schlussendlich mag die Erfahrung der Liebe sogar als kindisch erscheinen, als „Illusion“. Der vermeintlich kindische Charakter kommt dabei freilich daher, dass die Beziehung zwischen Mutter und Kind die einzige merkliche Erfahrung der Schenkökonomie ist, die die meisten von uns je erlebt haben.

Das Schenken, umgeben vom Tausch

Frauen erfüllen oft sowohl Schenk- als auch Tauschrollen. Im Rahmen der Tauschökonomie bekommen sie für ihre Arbeit weniger bezahlt als Männer. Dies nicht nur deshalb, damit ihre Unterlegenheit und die des Schenkprinzips demonstriert wird, sondern auch damit sie weiterhin von ihrem Mann ökonomisch abhängig bleiben. Das Geld, das sie von ihrem Mann bekommen, scheint eine Art Entlohnung für ihre Fürsorge zu sein. Mit anderen Worten, die Fürsorge, die die Frau sowohl ihrem Mann als auch ihrer Kindern zukommen lässt, soll durch das Geld des Mannes kompensiert werden. Damit wird die Fürsorge dem Tauschprinzip einverleibt, von ihm eingenommen und beinahe selbst zu einem Tausch verkehrt. Das Geld, das die Frauen erhalten, ist jedoch in den seltensten Fällen genug, um wirklich die materiellen Mittel zur Fürsorge der Familie sicherstellen zu können. Im Rahmen des Mangels scheint die freie Arbeit der Frauen eine Art Sklaverei zu sein – und manchmal ist sie es wirklich. Es wird uns erklärt, dass das Gegenteil der Sklaverei die Lohnarbeit ist. Doch das wirkliche Gegenteil der Sklaverei ist das Schenken in einer Gesellschaft des Überflusses.

Heute ist die Möglichkeit, Überfluss zu schenken, nur eine Möglichkeit für reiche Menschen. Meist für Menschen in Familien, in denen der Mann in der Tauschökonomie Geld verdient und die nicht direkt in die Tauschökonomie eingebundene Frau Zeit hat, Fürsorge auf einer gesellschaftlichen Ebene zu praktizieren. Sie mag Voluntärsarbeit leisten oder Geld spenden – auch ihr Mann mag das tun. Doch Wohltätigkeit dieser Art unterminiert den Status quo nicht. Sie erleichtert es, Probleme auszuhalten, ohne deren Ursachen zu ändern. Außerdem verstärkt Wohltätigkeit im Rahmen patriarchal-kapitalistischer Logik nur den Eindruck, dass es zum Tauschmodus keine Alternative gibt – ja dass das Schenken vom Tauschen abhängig ist.

Wohltätigkeit bestätigt den Tauschmodus also, indem sie ihn als Voraussetzung sieht. Selbst die erfolgreichen Beispiele des cause-related marketing tragen diesen Fehler in sich. Was geändert werden muss, ist das gesamte System. Wir müssen das Schenkprinzip für alle richtungsweisend werden lassen – und wir müssen dies durch das Schenken tun.

Während es für uns psychologisch gut ist, andere im Überfluss zu versorgen, kann das Schenken im Rahmen des Mangels als ungewöhnlich erscheinen, sogar als Geste „Heiliger“. Dies kann dazu führen, dass geschenkt wird, um das eigene Ego zu befriedigen. Den Beschenkten kommt dann weder Respekt noch Wert zu. Dies entmenschlicht die Handlungen der Schenkenden und der Empfangenden. Bedürfnisbefriedigung darf nicht die Muster von Haben und Nicht-Haben reproduzieren, von „höheren“ und „niedrigeren“ Menschen. Bedürfnisbefriedigung ist Teil eines menschenwürdigen Lebens. Etwas, das sowohl die Personalität wie das materielle Wohlbefinden der Schenkenden und der Beschenkten pflegt. Etwas, das von der Demütigung und der Egomanie des Tauschprinzips befreit. Bedürfnisbefriedigung bedeutet Gemeinschaftlichkeit.

Die Art, auf die in unserer Gesellschaft Arbeit organisiert ist, verhindert die Entfaltung des Schenkmodus und der Schenkmentalität. Güter und Dienste werden für den Tausch produziert und ihr Wert wird – wie jener der Menschen selbst – monetär gemessen. Mit anderen Beziehungsformen experimentieren, können wir höchstens in unseren persönlichen Beziehungen. Dort können wir anderen schenken. Die Bedürfnisse anderer bleiben schließlich immer spürbar. Verhungernde Menschen starren uns von Fernsehbildschirmen an. Obdachlose schlafen frierend in Hauseingängen.

Es gibt einen zynischen, aber wahren Gedanken in Bezug auf das Schenken: „Wenn ich alles, was ich habe, einer anderen Person gebe, wird diese bloß genauso ego-orientiert, wie ich es jetzt bin.“ Solange das Tauschprinzip vorherrscht, werden tatsächlich immer irgendwelche haves die have-nots unterdrücken – dies hat mit der Logik des Systems zu tun, nicht mit der persönlichen Identität der haves. Wenn eine Person, die etwas mehr auf Andere ausgerichtet ist als gewöhnlich, einer anderen Person ihr Geld gibt, mag dies tatsächlich dazu führen, dass diese Person schlicht ego-orientierter wird und sich die Rollen gewissermaßen nur vertauschen.

Das Geheimnis bleibt zu schenken, um das System zu ändern und das Schenkprinzip zu bestätigen. Jede bedürfnisbefriedigende Handlung, die im Bewusstsein dieses Prinzips vollzogen wird, hilft dabei.



Anm. d. Übers.: Der Begriff cause-related marketing wird heute oft verwendet, um Geschäftsstrategien zu beschreiben, die ökonomische Gewinne für „gute Zwecke“ erzielen sollen. Oft handelt es sich dabei um Kollaborationen zwischen Wirtschaftsunternehmen und gemeinnützigen Organisationen.

 

Sexuelles Schenken

Ich denke, dass wir versuchen, kommunikatives Schenken auch in unseren Liebesbeziehungen zu praktizieren. Etwa durch Promiskuität. Auch wenn wir aufgrund des Mangels, in dem wir leben, materiell nicht schenken können oder überzeugt wurden, dass materielles Schenken unserem Wohl nicht zuträglich ist, regt uns unser Unbewusstes immer noch dazu an zu schenken und wir tun dies sexuell. Diese Form des Schenkens erlaubt es uns, die Emotionen des Schenkens und Empfangens auf unserer Haut zu spüren. Es erlaubt uns, etwas für jemand anderen zu tun bzw. das Bedürfnis einer anderen Person zu befriedigen, ohne Güter vermitteln zu müssen. In der Tat wird es oft als peinlich empfunden, wenn sexuelles Schenken mit einem Austausch von Gütern oder Geld verbunden wird. Die meisten von uns denken, dass sexuelles Schenken und Empfangen eine normale Begierde sei. Promiskuität erlaubt es uns, mehreren Person auf dieser Ebene zu schenken, auch wenn uns der Mangel nicht erlaubt, ihnen materiell zu schenken.

Wir erleben die Probleme unserer Gesellschaft in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen. Zum Beispiel schenken Frauen ihren Kindern oft zuviel oder sie schenken gewalttätigen Ehemännern. Ich denke, dass das Problem darin liegt, dass wir einerseits unbewusst realisieren, dass das Schenken der Weg zur Lösung unserer Probleme ist, dass wir andererseits jedoch nicht verstehen., wann und wo wie geschenkt werden soll. Auch verstehen wir nicht, dass es schwierig ist, angemessen zu schenken, solange das Schenkprinzip das Tauschprinzip nicht allgemein als das soziale und gesellschaftliche Paradigma abgelöst hat. Ich denke, dass es gegenwärtig eine Verwechslung zwischen materieller Fürsorge und Liebe gibt. Dies führt dazu, dass wir meinen, Menschen zu lieben, jedes Mal, wenn wir versuchen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Jede Bedürfnisbefriedigung scheint dann ein Ausdruck von Liebe zu sein, selbst wenn es das Bedürfnis eines Gewalttäters ist, uns weh zu tun.

Aber vielleicht ist der Grund für dieses Missverständnis auch die Verwechslung zwischen dem Auf-Andere-Ausgerichtet-Sein, wie es sich im Sex und in der Liebe ausdrückt, und dem materiellen Auf-Andere-Ausgerichtet-Sein, wie es sich in der Praxis angemessenen Schenkens ausdrückt. Wir könnten damit beginnen, dieses jetzt gleich zu praktizieren, wenn wir nur unsere Zeit, unser Geld und unsere Energie dafür aufwenden könnten, die Strukturen der Unterdrückung zu ändern. Wenn wir uns vom Schenkprinzip leiten lassen, dann wird die gesamte Gesellschaft auf Andere und auf gegenseitige Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet, sodass wir den Ruf der Bedürfnisse anderer immer vernehmen werden.

In diesem Falle würden sich auch unsere Bedürfnisse selbst verändern, inklusive die unserer Liebesbeziehungen. Wenn wir beginnen würden, die Bedürfnisse aller Menschen zu berücksichtigen, dann könnten wir auch die Bedürfnisse unserer Geliebten besser befriedigen. Wenn wir ihnen auf verschiedenen Ebenen schenken können, dann wären wir für „bedeutungsvolle“ Kommunikation nicht vom Sex abhängig. Ein wirklich bedeutungsvolles Leben ist eines, indem wir einander durch Schenken und Empfangen Wert zuschreiben – und in dem diesem Prozess selbst Wert zugeschrieben wird.

Gegenwärtig sind wir in unseren Beziehungen deshalb so voneinander abhängig, da sie der einzige Ort sind, an dem die meisten von uns wenigstens in irgendeiner Form schenken und empfangen können, selbst wenn dies keine perfekte Form ist. Wir empfinden unser Beziehungsleben deshalb oft als den „menschlichsten“ Teil unseres Existenz und klammern uns an ihn. Eine Beziehung zu verlieren, wird zur Bedrohung unserer Menschlichkeit. In diesem Sinne bildet das sexuelle Schenken und Empfangen, das verschiedene Bedürfnisse in unserem Körper schafft und befriedigt, eine Gemeinschaft, die schwer aufzugeben ist.

Unser Selbst entwickelt sich in dieser Gemeinschaft auf ähnliche Weise, wie es sich in unseren Familien entwickelte, als wir als Individuen unterschieden und kategorisiert wurden. Das maskulisierte bzw. auf dem Tausch beruhende Ego neigt immer dazu, ausschließend, feindselig und Intimität verleugnend zu sein. Es ist immer bereit, andere zur Bestätigung der eigenen Größe und Wichtigkeit auszunutzen. Nachdem vor allem Männer so sozialisiert werden, erlaubt ihnen dies oft die Zerstörung der sexuellen Gemeinschaft. Verführen und Verlassen („love ’em and leave ’em“) ist der Ausdruck dieser machistischen Störung – manchmal selbst, wenn es Frauen sind, die dies tun. Der in der Konkurrenz der Tauschökonomie ausgebildete Herrschaftswunsch kann sich in persönlichen Beziehungen in Form von physischer Gewalt, psychischem Terror oder sozialem Ausschluss manifestieren.

Das Versorgen des Wettbewerbs

Das Schenk- und das Tauschprinzip funktionieren Seite an Seite und stellen zwei unterschiedliche Rahmen dar, in denen sich unser Leben ereignet. Was in einem Rahmen als adäquat gilt, gilt im anderen als zerstörerisch. Die Sache verkompliziert sich, wenn der Tauschrahmen mit seinem Diktum des „Überlebens des Stärkeren“ als Unterstützung für den familiär-fürsorglichen Rahmen gesehen wird. Dies führt zu Vorstellungen wie jenen, dass es die Familien der Stärksten sind, die in der Tauschökonomie überleben werden. Dies ist jedoch eine Illusion, da der tauschökonomische Rahmen fürsorgliches Verhalten nie stützen kann, sondern es stattdessen permanent bedroht. Es ist die Fürsorge, die den Tausch erhält – nicht umgekehrt! Ohne Fürsorge gäbe es keinen Tausch, da der Tauschmodus die Geschenke der Fürsorge braucht, um existieren zu können.

Auch Tauschende (Konkurrierende) selbst gäbe es ohne die Fürsorge nicht. Oft ist es sogar die individuell erfahrene Fürsorge, die darüber entscheidet, wer sich in den Konkurrenzkämpfen der Tauschökonomie durchsetzt und wer nicht. Insofern beruhen auch die Belohnungen, die die in der Tauschökonomie Erfolgreichen erhalten, auf der Fürsorge, die ihnen zuteil wird. Oft beinhalten diese Belohnungen diejenigen, die die Fürsorge leisten, selbst. Sowohl schöne und sexuell begehrenswerte Frauen als auch so genannte „gute Ehefrauen“ werden oft als Preise erfolgreicher Männer gesehen.

Auf der individuellen Ebene nehmen wir diese Verbindungen zwischen Tausch- und Schenkprinzip nicht wahr und unser Handeln scheint persönlich und willkürlich zu sein. Wenn wir allerdings den gesellschaftlichen Kontext betrachten, dann können wir sehen, wie die beiden Prinzipien miteinander verbunden sind und wie sie sich ergänzen. Doch ist es vorteilhaft für die dem Tauschprinzip verhafteten Privilegierten, wenn diese gesellschaftliche Ebene nicht betrachtet wird. Schließlich würde dies den unterprivilegierten Fürsorgeleistenden unter Umständen erlauben, zu Bewusstsein zu gelangen und sich zu befreien. Die Privilegierten versuchen vielmehr – wie viele Parasiten – sich mimetisch den Anschein zu geben, selbst die Fürsorgenden zu sein.

Wertakzente

Die beiden Prinzipien werden auch deshalb unterschieden, da die Fähigkeit der Definition und ihrer Reproduktionen – das Messen und Einschätzen von Wert, das Vermitteln von Privateigentum durch Ersetzung, das Etablieren von Äquivalenzen – post hoc als Aufgabenbereich der Maskulisierung gesehen werden. Von Frauen wiederum heißt es, dass sie der Erfahrung verhaftet sind, wobei Erfahrung dem Schenkmodus zugerechnet wird. Dies auch nicht zu unrecht. Schließlich sind unsere Wahrnehmungen und Erfahrungen frei, im Sinne dessen, dass sie uns geschenkt werden. Obwohl wir manchmal selbst initiativ werden müssen, um eine bestimmte Erfahrung zu machen (zum Beispiel müssen wir aus dem Haus gehen, um die Sonne sehen zu können), gibt es immer etwas Gegenwärtiges, das erfahren wird. Unser Weltbild und unsere Bedürfnisse bestimmen, welcher dieser Wahrnehmungen wir besondere Bedeutung schenken, auf welche Gegebenheiten wir uns konzentrieren. Unser Weltbild hängt dabei zu einem großen Teil von vergangenen Erfahrungen und dem Grad unserer jeweiligen Involviertheit in den Tausch- oder den Schenkmodus ab, sowie von Wertakzenten, die von Sprache und Kultur vermittelt werden.

Frauen werden von Männern der Seite des Lebens zugeschrieben, auf die in ihrer Zuschreibung auch Wahrnehmung, Körperlichkeit und Emotionalität fallen. Nachdem wir so identifiziert wurden, verfügen Männer über uns und machen uns zu einem Mittel, über das sie kommunizieren können. Ich habe davon gesprochen, dass sich Frauen auf der Seite des Schattens befinden, der Seite der Mater(ie) und der Vielen. Hier liegt die Grenze der Schenkökonomie – genauso wie die Sprache die Grenze der Tauschökonomie ist.

Die Seite der Mater(ie) und der Vielen geht jedoch verloren, da wir uns nur auf die Sprache konzentrieren. Hinter der Sprache und dem empirisch Gegebenen liegt die unbezahlte Arbeit der Jahrhunderte. Diese wurde von Frauen getan, die die Aufrechterhaltung und Vermittlung sowohl der materiellen wie der kulturellen Güter der Gesellschaft gewährleisteten. All diese Geschenke der Vergangenheit bestimmen, worauf sich unsere heutige Erfahrung konzentriert – das heißt, welche Teile unserer Kultur wir bestehen lassen, wie wir unsere Welt gestalten, usw. Sogar uns selbst können wir als Geschenke sehen, da auch wir von anderen kommen. Im gleichen Sinne wären unsere Kinder Geschenke an die kommenden Generationen. Unsere auf Andere ausgerichteten Egos sind weniger selbstähnlich als die Egos maskulisierter Einer. Sie sind transparenter und gehen direkter auf andere zu. Sie filtern ihre sozialen Wahrnehmungen nicht. Wir sind die Kinder, die sich unserer Mütter erinnern. (Und die Mütter, die sich ihrer Kinder erinnern – und von diesen erinnert werden).

Unsere „männlichen“ und „weiblichen“ Seiten sind – zumindest in der ausgeprägten Form, in der sie uns in den westlichen Gesellschaften erscheinen – eine Reflexion der Opposition von maskulisiertem Tauschego bzw. der Tauschökonomie auf der einen Seite und einem auf Andere ausgerichteten Selbst bzw. der Schenkökonomie auf der anderen. Nachdem die beiden Ökonomien in der Gesellschaft Seite an Seite bestehen, können auch beide Egostrukturen gleichzeitig internalisiert werden. Dies schafft eine Art hybride Persönlichkeit, die – auch wenn sie Aspekte einer Vermittlung und Vorteile von beiden Seiten beinhalten mag – in zahlreichen Paradoxa gefangen ist. Zum einen konzentriert sich die schenkende Seite in uns auf Bedürfnisse und vermag starke Emotionen zu erwecken – auf der anderen geht es dem maskulisierten Ego in uns um Unabhängigkeit und Herrschaft. Dies kann sich weder innerlich noch äußerlich vertragen.

Das maskulisierte Ego (und sein Denken) ist auf Vorteile für sich selbst und seine Familie bedacht. Ihm geht es um seine eigene Ausdehnung. Es sieht seine Erfahrung als objektiv – ohne Dimension des Schenkens, ohne Verantwortung seiner natürlichen wie kulturellen Umwelt und ihrer Bewahrung gegenüber. Dementsprechend nimmt es die Bedürfnisse anderer kaum wahr und verbindet nichts mit ihnen – dies gilt vom nicht gemachten Bett über das hungrige Kind zum Atommülllager. Das maskulisierte Ego schenkt seine Aufmerksamkeit der Sprache, Bürokratie und sozialen wie materiellen Mitteln, die es dazu verwenden kann, andere zu beherrschen bzw. ihnen zu befehlen, ihm zu schenken. Es ignoriert sogar seine eigenen Bedürfnisse, die daher von anderen befriedigt werden müssen – wie im Stereotyp des „lebensunfähigen“, „weltfremden“ Professors. Wenn es keine anderen gibt, die uns schenken können, kümmert sich die schenkende Seite in uns ausschließlich um uns selbst bzw. unser Ego. Die Folge ist, dass gar keine Teile unserer Persönlichkeit mehr auf Andere ausgerichtet sein können und wir immer noch selbstzentrierter werden.

Das Selbst der meisten Frauen ist immer zum Teil auf Andere ausgerichtet, da sie als fürsorgliche und schenkende Wesen sozialisiert wurden. Dies ändert sich auch durch den Eintritt in die Tauschökonomie nicht. Vielleicht ist dies die Erklärung für die Popularität von „Ich-zuerst!-Therapien“ unter Frauen. Von co-dependency-Selbsthilfegruppen zu Selbstbewusstseinstrainings lehrt uns die Gesellschaft des Tausches, uns selbst an die erste Stelle zu setzen. Glücklicherweise sind diese Therapien selten zur Gänze erfolgreich und wir Frauen können uns das Schenken als einen Teil unseres Selbst bewahren. Es mag dem Status quo opportun erscheinen, gegen das Schenken und seine Ideale und Ideen aufzutreten und für seine Auslöschung zu plädieren, aber in Wirklichkeit würde die Tauschökonomie dadurch zerstört werden.

Es gibt natürlich pathologische Fälle des Auf-Andere-Ausgerichtet-Seins, aber die Ego-Orientiertheit ist viel pathologischer. Sie schadet dem Leben des Planeten in all seinen Variationen – auch wenn sie als ein Modell der Gesundheit gepriesen wird. Niemand von uns versteht, in welcher Form wir an diesen schädlichen Prozessen teilhaben, da wir das Schenken nicht als eine Alternative zum Tausch begreifen. Doch es muss darum gehen, diese beiden Modelle vergleichbar zu machen – und nicht die Geschlechter gleich.

Die Gleichheit, die von der Maskulisierung und dem Tausch kommt, ist eine Gleichheit der Quantifizierung – eine quantifizierte Gleichheit. Das Auf-Andere-Ausgerichtet-Sein betont qualitative Vielfalt. Die Schenkökonomie stärkt individuelle Eigenheiten mehr, da sie diese nicht an einem uniformen quantitativen Standard misst. Wenn wir uns wirklich der Schenkökonomie als Prinzip verpflichten – anstatt sie abzuwerten und ihre Manifestationen zu dekontextualisieren – wird uns das auch dazu dienen, das Tauschprinzip wirklich verstehen zu können. Behauptungen wie: „Frauen sind so gut wie Männer“, könnten dann als Meta-Behauptungen gelesen werden, die sagen: „Das Schenkprinzip ist so gut wie (oder besser als) das Tauschprinzip.“

Urteile

Unter die Charakteristika des Tauschprinzips fällt das Urteil: die Macht, jemanden kategorisieren zu können. Der Tradition der Heirat entsprechend, der zufolge Frauen den Namen ihres Ehemannes annehmen, werden auch die Handlungen und Begierden von Frauen von Männern mit Namen belegt: sie werden als „gut“ oder „schlecht“ beurteilt, als „angemessen“ oder „unangemessen“, usw. Wir Frauen akzeptieren diese Urteile aufgrund unserer (sich ansonsten positiv auswirkenden) Ausgerichtetheit auf Andere. Es fällt uns nicht leicht, unsere eigenen Qualitäten zu beurteilen (auch wenn unser eigenes internalisiertes Ego das eigentlich für uns tun könnte). Fragen wie: „Bin ich intelligent?“, „Bin ich schön?“, „Bin ich gut?“ können zu unendlichen Martern werden. Auch dies kann zur Ego-Orientiertheit führen, die schließlich selbst die Form unseres Auf-Andere-Ausgerichtet-Seins bestimmen mag. Unsere Fähigkeit, uns selbst durch die Augen anderer zu sehen, erlaubt uns, deren Definition zu verinnerlichen und uns selbst auf die gleiche Weise zu beurteilen.

Wenn wir diese Definition dann ausleben, werden wir zum Definiens eines männlichen, auf uns selbst bezogenen Definiendums. Wir heischen um seine Anerkennung; um das Verdienen seines positiven Urteils. Wir verwechseln Bescheidenheit mit der Abwertung unseres Selbst und erlauben Stereotypen die Rolle von self-fulfilling prophecies anzunehmen. Auch die Trennungen zwischen Wort und Ding oder Geist und Körper werden von uns verinnerlicht, selbst wenn wir diese Trennungen heute, als Teilhabende an der Tauschökonomie, vielleicht etwas anders leben. Doch haben Frauen zum Beispiel die Linguistik aufgegeben, wie sie die Mathematik oder die Finanzwissenschaften aufgegeben haben, da sie diese als männliche Domänen und nicht als ihre sahen. Dies zeigt, dass es selbst heute vielen Frauen darum geht, unsere eigene positive Beurteilung über das Messen an einem männlichen Standard zu verdienen – einem Standard, der von maskulisierten Egos für Schenkende geschaffen wurde.

Ein Grundsatz des Schenkens ist, dass es nicht für Belohnung getan wird. Wenn wir also danach streben, von anderen beurteilt zu werden – oder auch, wenn wir uns selbst als „gut“ oder „schön“ beurteilen – dann befinden wir uns an der Grenze zum Tauschprinzip. Wenn wir jedoch von anderen abseits von männlichen Standards gelobt oder bestärkt werden, mag dies durchaus ein Geschenk sein, das wir mit Dankbarkeit empfangen können. Natürlich können uns Urteile wie „gut“ oder „schön“ auch geschenkt werden, wenn wir nicht danach gestrebt haben. In der Regel tun wir dies jedoch, da es uns schwer fällt, innerlich ganz dem Schenkprinzip verbunden zu bleiben. Wir streben nach diesen Urteilen von anderen, da es für uns schwierig ist, die Schenklogik in uns selbst aufrechtzuerhalten. Sind jedoch unsere eigenen Standards einmal manipuliert, entwickelt der Versuch, ihnen zu entsprechen, eine Dynamik, im Zuge derer wir uns immer mehr selbst manipulieren.

Vielleicht könnte uns die Selbstkritik, in der viele von uns schwelgen, erlauben, wieder eigene Standards zu etablieren, die dem Schenkprinzip entsprechen. Wir könnten uns eher für etwas, das wir falsch gemacht haben, kritisieren, als darauf abzuzielen, uns selbst als „gut“ zu beurteilen. Dies könnte zur Folge haben, dass wir unser Handeln nicht mehr so sehr von Belohnungen abhängig machen. Egotrips und maskulisiertes Verhalten könnten so vermieden werden und es könnte uns vielleicht gelingen, weiter dem Schenkprinzip zu folgen. Letzten Endes ist die Frage, welchem Prinzip wir folgen, wahrscheinlich weniger eine Frage von Manipulation oder Selbstbehauptung, sondern davon, wie wir uns in unzähligen verschiedenen Situationen verhalten. Welchem Prinzip unser Verhalten entspricht, zeigt sich in seinen Konsequenzen.

Wenn wir es brauchen, gebraucht zu werden

Wenn wir Frauen versuchen, unsere Attraktivität für Männer zu steigern, geht es darum, dass sie uns Aufmerksamkeit schenken, unsere Geschenke verwenden und uns das Geschenk ihres positiven Urteils zuteil werden lassen. Die Drohung der „alten Jungfer“ als einer Frau, die „nicht gut genug“ war, hängt als Damoklesschwert über uns. Das heißt, dass wir das Bedürfnis anderer brauchen, da wir nur durch die Bedürfnisbefriedigung das erfüllen können, was von uns erwartet wird: nämlich zu schenken, und zwar sowohl Güter wie Dienste als auch uns selbst. Während das Bedürftig-Sein also einerseits als ein Von-Anderen-Abhängig-Sein in unserer Gesellschaft abgewertet wird, ist es andererseits ein wesentlicher Aspekt der Widersprüche, die von der Koexistenz des Schenkens und Tauschens geschaffen werden.

„Übermütter“ kümmern sich manchmal zu lange um ihre Kinder. Sie tun dies, weil sie ein Bedürfnis danach haben, von ihren Kindern gebraucht zu werden. Dieses Bedürfnis rührt wiederum daher, dass ihr Schenken in der Familie gefangen bleibt. Es ist ihnen nicht möglich, Bedürfnisse außerhalb der Familie zu befriedigen. Sie können ihr Schenken nicht darüber ausdehnen, dass sie sich zum Beispiel für soziale Veränderung einsetzen. Paradoxerweise gibt es in einer Situation des Mangels auch einen Mangel an Bedürfnissen, die auf sozial akzeptierte und bedeutungsvolle Weise befriedigt werden können. Wenn die Schenkökonomie die Norm wäre, würden hingegen alle der Hilfe anderer bedürfen.

In einer Schenkökonomie würde das Schenkprinzip und die mit ihm verbundenen Persönlichkeitsstrukturen durch unser alltägliches Handeln unentwegt bestätigt werden. Allen Menschen stünden alle Möglichkeiten offen, ihre Fähigkeiten und Energien zur Befriedigung der Bedürfnisse anderer einzusetzen. Auch die Güter könnten frei fließen. Schenken und Empfangen würde nicht mehr länger als erniedrigend gelten, sondern als normal. Die Erde zieht uns zu ihr hin, das Wasser rinnt abwärts, der Wind bewegt sich gemäß atmosphärischen Drucks. Es gibt auch eine Schwerkraft und einen Druck in den menschlichen Beziehungen und dies muss respektiert werden. Der Tausch arbeitet wie ein Stausystem, das Wasser dazu bringt, aufwärts zu rinnen, weg von den Bedürfnissen und hin zu jenen, die ohnehin bereits mehr als genug haben. Unser Altruismus wird manipuliert und auf seinen eigenen Kopf gestellt. Wir müssen uns dagegen wehren und dem Wasser erlauben, dorthin zu fließen, wohin zu fließen es ursprünglich bestimmt war.

Leider lässt sich der Fluss jedoch sogar in unseren persönlichen Beziehungen manipulieren. Dies mag damit beginnen, dass wir voraussetzen, dass die Aufgabe einer anderen Person die ist, uns zu versorgen, und dass wir diese Fürsorge verdienen. Wir setzen diese Beziehung als „natürliche“ fest und bestehen auf sie. Wenn die andere Person nicht bereit ist, ihre Rolle zu spielen, zwingen wir sie dazu. Es ist furchtbar einfach innerhalb der Tauschökonomie in diese Logik zu verfallen. Schließlich ist dies, was in ihr als „normal“ gilt. Wenn wir in der Schenkökonomie leben würden, würden wir nicht nur die Bedürfnisse anderer wahrnehmen, beachten und befriedigen, sondern wir könnten auch darauf vertrauen, dass andere unsere Bedürfnisse befriedigen werden. Für eine maskulisierte Egostruktur gäbe es keine Notwendigkeit.

Das berechtigte Vertrauen darauf, dass unsere Bedürfnisse von anderen befriedigt werden, würde auch eine viel größere Transparenz unseres Alltags und seiner Erfahrungen erlauben. Es würde viel weniger Angst, Intoleranz und Hass geben, da wir uns nicht andauernd verteidigen müssten: gegen Gewalt, Vernachlässigung, Manipulation. Gleichzeitig würden wir das schlechte Gewissen verlieren, das oft damit kommt, anderen diese Dinge anzutun, um selbst überleben zu können. Mit anderen Worten, der natürliche Fluss unseres Mitgefühls würde nicht mehr länger blockiert. Auch unsere Angst, unser Selbstmitleid (die Ego-Orientiertheit des Mitgefühls) und unser Schmerz würden verschwinden. Es gäbe Klarheit.

Ich möchte hier noch einmal betonen, dass ich nicht denke, dass irgendjemand für die gegenwärtigen Bedingungen persönliche Schuld trägt, die ego-orientierten Personen eingeschlossen. Es ist das patriarchale System, das diese Bedingungen schafft. Darüber hinaus sind Begriffe wie Schuld und Büße Begriffe, die vom Tausch kommen und daher das Tauschprinzip bestätigen, selbst wenn sie vermeintlich gegen dieses angewendet werden. Was geschehen muss, ist, dass die selbstähnlichen sozialen Strukturen, die die Herrschaft des maskulisierten Egos aufrechterhalten, als künstlich und lebensfeindlich erkannt werden. Wir müssen begreifen, dass die Maskulisierung und ihre Projektionen sowohl für die Gesellschaft als auch das Individuum schädlich sind – aber auch, dass sie verändert werden können. Wenn wir die Bedürfnisse einer Person befriedigen, die ein maskulisiertes Ego besitzt (oder von einem solchen besessen wird), können wir oft merken, dass sie tatsächlich ein Bedürfnis danach hat, dieses Ego auseinander zu nehmen und neu zusammenzusetzen. Es wird deutlich, dass der Mensch ohne dieses Ego glücklicher wäre und dass das Glück davon kommen würde, sich mit anderen in gegenseitiger Bedürfnisbefriedigung zu verbinden.

Eine Gesellschaft, die das Auf-Andere-Ausgerichtet-Sein für alle zulässt – und weder einem „inneren Anderen“ noch einem externen Herrscher erlaubt, es zu manipulieren – ist möglich. Es muss nur der Maskulisierung ein Ende gesetzt werden und das Schenkprinzip das Tauschprinzip ablösen. Dann könnten wir jenen Werten folgen, denen die meisten Frauen (und auch manche Männer) bereits seit langem folgen.

Geld und Moral

Die Monetarisierung der Arbeit reproduziert nicht nur einige Aspekte der Definition (wie die Ersetzung oder die Äquivalenz), sondern sie wird auch zum Maßstab, an dem der gesellschaftliche Wert einer Person gemessen wird. Das Geld und der freie Markt machen uns glauben, dass der dazu verwendete Standard für alle gleich und objektiv sei, was eine negative Bewertung oder gar den Ausschluss aus der monetarisierten Ökonomie umso schlimmer macht. Nachdem die Gehälter von uns Frauen niedriger als jene der Männer sind, werden wir von Anfang an als für die Gesellschaft weniger definiert. Der ökonomische Bewertungsprototyp reproduziert sich ständig in allen möglichen Arten von gesellschaftlichen Urteilen und bestätigt immer wieder die Macht der Männer über uns. Schließlich bewerten wir uns selbst anhand monetärer Standards, die uns (und anderen) Attribute wie „gut“, „gescheit“, „effizient“, usw. zuschreiben.

Wie gesagt, der Standard, auf dem diese Urteile beruhen, scheint objektiv zu sein. Er entspricht den quantitativen Bewertungen des maskulisierten Egos. Wir sind eine Gesellschaft, die von solchen Bewertungen besessen ist – dies zeigt sich von Schulnoten über das Zählen von Kalorien oder den Wetterbericht bis zu psychologischen Tests, deren Resultaten wir erlauben, unser Verhalten zu beurteilen und zu bestimmen. Schließlich verinnerlichen wir diese Logik. Unser Gewissen wird zur Kontrollinstanz unseres Handels. Die negativen Effekte dieser Prozesse liegen auf der Hand. Es nimmt nicht Wunder, dass ein enormer Markt für Ideologien und Therapien entstanden ist, die eine Stärkung unseres Selbstvertrauens versprechen.

Wenn wir uns Bewertungen unterwerfen, schenken wir ihnen (und ihren Kriterien) Wert. Autoritäre Erziehung, Moral und Religion sollen sicherstellen, dass dies geschieht. Wenn wir uns diesen Bewertungen nicht unterwerfen, wird es für andere schwieriger – vor allem psychologisch – Herrschaft über uns auszuüben.

In unserem Streben nach Anerkennung wird eine Art sekundäres Tauschsystem geschaffen. Wir setzen unsere Handlungen der Bewertung anderer aus und deren positives Urteil ist unsere Belohnung. Selbst das Schenken geschieht dann oft mit diesem Hintergedanken. Wir sehnen uns nach einem Urteil anderer, das und als „gut“, „gescheit“ oder „kompetent“ bestätigt. Unsere Selbstidentität baut auf solchen Urteilen auf.

Zu bewerten („Urteile zu schenken“) erlaubt Menschen, Macht über andere auszuüben. Ein Grund, warum wir den Urteilen anderer soviel Bedeutung beimessen, ist, dass sie dem monetären Urteil des Lohns entsprechen, das wiederum dem monetären Urteil entspricht, das in der Festlegung eines Preises für ein Produkt impliziert ist. Selbst unsere Liebesbeziehungen folgen Mustern solcher bewertender Urteile. Jede von uns wird von ihrem Liebhaber beurteilt, ausgewählt als „bestes Produkt“ unter vergleichbaren. (Ökonomen sprechen sogar vom „Heiratsmarkt“.) All dies sollte nicht so sein. Die unbewussten Archetypen des Tausches bestimmen unser Leben. Wir wären um vieles glücklicher ohne sie.

Wie wir gesehen haben, kommt es selbst zur Internalisierung des Bewertungsprozesses und wir legen uns selbst die gesellschaftlichen Erwartungen, die an uns gestellt werden, auf. Wir beherrschen uns selbst. Wir bestätigen uns selbst als „gut“, usw., und erfüllen somit die Aufgabe der Moral, „richtiges Verhalten“ sicherzustellen. Allerdings heißt im Rahmen unserer Gesellschaft „richtig“ nur „richtig im Sinne des Tausches“.

Nachdem wir unfähig sind, existierende Probleme wirklich zu lösen oder einen sozialen Paradigmenwechsel herbeizuführen, kann die Moral – wie die Wohltätigkeit – vielleicht immer noch das Beste aus einer unglücklichen Situation machen. Vielleicht werden manche Individuen sogar psychisch gerettet, wenn sie sich wirklich darauf konzentrieren, „richtig“ anstatt „falsch“ zu handeln. Doch bleibt auch eine solche Rettung ego-orientiert. Das Tauschprinzip bleibt an seinem Platz.

Mitgefühl

Der Preis dafür, nicht für den Herrscher zu sorgen, kann in physischer Gewalt bestehen. Das „Geschenk“, für den Herrscher zu sorgen, ist damit ein erzwungenes – wie das „Geschenk“ der freien Arbeit der SklavInnen. Menschen im Patriarchat leben seit Jahrhunderten mit dieser Bedrohung. Die Vielen werden von den Einen bzw. den herrschenden Hierarchien bestraft, wenn sie nicht kooperieren wollen – und erst recht, wenn sie zu rebellieren wagen. Gehorsam wird unter solchen Verhältnisse zur Überlebensstrategie.

In einer solchen Situation mag persönliche Großzügigkeit wirklich als das einzige Mittel erscheinen, etwas gegen das Leiden zu tun. Wenn Menschen jedoch nur auf einer individuellen Ebene schenken, lassen sie das System als Ganzes unberührt. Wahrscheinlich würden viele dieser individuell fürsorglichen Menschen das System gerne ändern. Doch sie sehen die Zusammenhänge nicht oder denken, dass dies unmöglich sei.

Auf der Ebene der Familie ist viel an individueller Fürsorge in die Bewegungen gegen häusliche und sexuelle Gewalt geflossen. Diese Bewegungen richten zwar unsere Aufmerksamkeit nicht direkt auf andere Aspekte des Patriarchats – wie die Zerstörung der Natur oder den Militarismus – doch sie konzentrieren sich auf einen wichtigen Bereich, praktizieren die Werte der Fürsorge und sind organisiert. Andere Bewegungen – wie diejenigen für Frieden, Naturschutz, ökonomische Gerechtigkeit oder die Befreiung unterdrückter Völker – haben eine sozial weitere Perspektive, doch verstehen sie oft nicht, dass das Problem das Patriarchat ist und die Lösung in den Werten der Frauen liegt.

Selbst manche Regierungsvorschläge zur Lösung sozialer Probleme mögen gute Absichten haben. Vielleicht haben sie kurzfristig sogar Erfolg. Doch operieren sie auf der Grundlage des Tausches. Der Appell an die individuelle Verantwortlichkeit als Mittel, die Zahl der SozialhilfeempfängerInnen zu verringern und sie stattdessen in den Markt zu integrieren, ist zum Beispiel eine vermeintliche Lösung, die das Problem in Wirklichkeit nur vergrößert. Hier werden die Werte, die das Problem geschaffen haben, nur verstärkt.

Das Schenken des paternalistischen Staats ist erniedrigend und uneffektiv. Es schreibt dem Akt des Empfangens Schuld zu. Das Empfangen wird als Ausdruck von Passivität und Dummheit gesehen und verächtlich gemacht. Der Staat ersetzt kreatives Schenken und Empfangen mit der individuellen Integration in die Tauschökonomie und der Bestätigung maskulisierter kapitalistischer Werte.

Individueller Altruismus kann manchmal dazu führen, sein eigenes Schenken sozial weiter auszudehnen. Wenn es dabei jedoch keinen Versuch gibt, zu den Wurzeln des Problems zu gelangen, verbleiben wir in jedem Fall innerhalb des Tauschprinzips. Alles, was das Schenken dann tun kann, ist unser Leben und das anderer erträglicher zu machen. Radikal geändert wird nichts. Wenn Mitgefühl, Wohltätigkeit und Moral nur individuell praktiziert werden, können sie keinen Paradigmenwechsel herbeiführen. Ein solcher kann nur kollektiv herbeigeführt werden.

Darum ist es wichtig, dass Bewusstwerden der Frauen – die internationale Frauenbewegung – im Lichte des Schenkprinzips zu sehen. Die fürsorglichen Werte der Frauen sind die Werte des Schenkprinzips. Wenn sich Frauen demnach ihrer eigenen Werte bewusst werden und die Werte des Patriarchats zurückweisen, haben wir bereits ein Kollektiv, das mehr als die Hälfte der Menschheit mit einschließt. Das Schenkprinzip ist nicht anerkannt, aber nichtsdestotrotz tief und weit verbreitet.

Männer werden früh maskulisiert. Frauen werden von diesem Prozess erst später ergriffen – nämlich wenn sie beginnen, die Welt nicht durch ihre eigenen Augen, sondern durch die der privilegierten Einen zu sehen; durch die Augen derjenigen, die sich von uns entfremdet haben und die wir versorgen.

Indem wir Frauen uns unserer altruistischen Werte als richtungweisend bewusst werden, können wir für wirklichen gesellschaftlichen Wandel arbeiten, den Werten der Fürsorge folgen und uns von den Werten der Maskulisierung befreien. Indem wir das Schenkprinzip zum Leitprinzip für alle Menschen machen, können wir die Männer und die Gesellschaft von den Spiegeln des Tauschprinzips erlösen. Es ist sowohl für Frauen als auch für Männer möglich, den entfremdenden und unnotwendigen Charakter der Maskulisierung zu erkennen, ihn zurückzuweisen und auf nicht-maskulisierte, gewaltfreie Weise abzubauen. Unser größter Vorteil ist, dass wir eine alternative Lebensweise nicht erst schaffen müssen. Diese existiert bereits. Sie existiert im Schenken, das bereits aktiv von der Hälfte der Menschheit praktiziert wird und das die verborgene Matrix der anderen Hälfte ist.

Die Restauration der Menschlichkeit im Bilde der Mutter

Die Art des Auf-Andere-Ausgerichtet-Seins, auf der die Fürsorge unserer Kinder beruht, hat zwischenmenschlichen Charakter und unterscheidet sich von der Moral, die von uns (und anderen) „richtiges Handeln“ und „richtige Einstellungen“ fordert. Gelegentlich kann die Moral die Fürsorge fördern. Speziell in Zeiten des Mangels oder hohen psychischen Drucks – wenn es also schwierig ist, Bedürfnisse zu befriedigen. In diesen Zeiten mag sich eine Person zur Bedürfnisbefriedigung zwingen müssen, das heißt: die Fürsorge als moralische Aufgabe annehmen.

Reaktionäre und machistische Philosophen haben die Verbindung von Mutter und Kind als eine „natürliche“ bezeichnet. Den Bedürfnissen anderer Wert zu schenken, ist jedoch nicht „natürlich“, wenn das heißen soll, das es „ohne Verstand“ geschieht. Genauso wenig ist es Teil einer auf Regeln basierenden Moral. Es ist ein Wert sui generis – ein Wert seiner selbst. Doch verhindert unsere selbst reflektierende Egostruktur oft, ihn als solchen wahrzunehmen, da nichts an ihm dieser Egostruktur entspricht. Diese Entsprechung ist jedoch gewöhnlich unser wichtigstes Kriterium dafür, etwas als wirklich anzuerkennen. Ein weiterer Ausdruck eines in der Maskulisierung gefangenen Denkens.

Wenn unsere Egos und unsere Bilder der Wirklichkeit ego-orientiert sind und vom Tausch und der Maskulisierung produziert werden, gilt alles, das nicht ego-orientiert ist, als nicht-wirklich. Das Nicht-Wirkliche wird uns nicht bewusst, oder zumindest nicht auf dieselbe Weise wie das, das als wirklich gilt. Es gehört zu den Eigenschaften des Egoismus, dem Wert zu schenken, das er für nützlich hält und nichts anderem. Wenn das Ego seine eigenen Strukturen wiedererkennt, definiert es das vertraute Bild als real, während ihm die Zusammenhänge, die diese Strukturen nicht aufweisen, fremd, irrelevant und „unreal“ erscheinen. Das selbstähnliche Ego ist ein bisschen wie das Tier, das sein Territorium mit Urin markiert und es dann als sein eigenes wiedererkennt. Schenken hat im Gegensatz dazu nichts mit territorialen Markierungen zu tun, sondern damit, anderen zu Wohlbefinden zu verhelfen.

Wenn die Sprache auf dem Schenken beruht, dann kann das Schenken nicht als nonverbal und infantil gesehen werden. Wenn wir der Sprache andere Momente des Schenkens hinzufügen – wie das Träumen, die Kunst und das Streben nach sozialer Veränderung – dann beginnen wir, die Bedeutung des Schenkens als des großen unanerkannten Prinzips der menschlichen Spezies zu begreifen. Wir beginnen zu verstehen, dass die Mutter für das Schenken ist und dass sowohl Frauen wie Männer für das Schenken sein können. Der von den Prozessen des Benennens und Definierens kommende Tausch kann die Bedürfnisse der Vielen nicht befriedigen. Nur indem wir das Prinzip der Mutter annehmen – nicht als „biologisches“ oder „instinktives“, sondern als bewusst kreatives – wird es uns möglich werden, die vielfältigen materiellen und kulturellen Bedürfnisse der fünfeinhalb Milliarden Menschen, die heute leben, zu befriedigen.

Unsere zunächst wichtigste Aufgabe liegt vielleicht darin, den Schenkmodus in das Bewusstsein der Menschheit zu rücken. Nur dann können alle seine Bedeutung erkennen. Um dies zu erreichen, müssen wir die Verhältnisse von einer Meta-Ebene aus betrachten. Wir müssen eine globale Perspektive einnehmen und in holistischen Begriffen denken. Tatsächlich fallen das Interesse des Egos und das Interesse der Anderen auf einer Meta-Ebene zusammen. Das Überleben des Planeten und das Überleben des individuellen Egos – und selbst das Überleben des komplementären Systems von Schenken und Tausch – sind eins. Nachdem alle von uns durch die Zerstörung des Planeten bedroht werden, müssen wir unsere Energie der Lösung der Probleme widmen, die diese Zerstörung verursachen – egal ob unsere Motivationen egoistisch oder altruistisch oder eine Kombination von beidem sind. Für die ego-orientierten Menschen bedeutet dies einen Moment des Übergangs zum Schenken. Wenn wir uns alle auf einer Meta-Ebene vereinen, von der aus wir beide Prinzipien sehen können, können wir uns gemeinsam zum Paradigmenwechsel aufmachen. Das ist der Anfang der Lösung.

Die spirituellen Praktiken, die die Einheit des Lebens betonen, suchen diese Meta-Ebene. Allerdings formulieren sie diese oft in Begriffen, die an die Überlegenheit des Einen erinnert. So fordern sie einerseits ein zusammenführendes Eines (die Zusammenführung ist ein Aspekt der Schenklogik) und reproduzieren andererseits patriarchale Verhältnisse zwischen dem Einen und den Vielen.

Wie gesagt, wichtig an der Meta-Ebene, die wir brauchen, ist, dass sie beide Prinzipien (Schenken und Tausch) einsehen kann. Beide Prinzipien erhalten so denselben Grad an Bedeutung. Das selbst reflektierende Tauschprinzip ist nicht länger wichtiger als das Schenkprinzip, auch wenn seine selbstähnliche Form diese Illusion schaffen mag. Tatsächlich ist es einzig das Schenkprinzip, das alleine existieren kann. Wenn wir beide Prinzipien wirklich vorurteilsfrei von dieser Ebene aus betrachten, kann es keinen Zweifel geben, dass das Schenkprinzip uns glücklicher macht.

Unser individuelles Streben nach der Position des Prototypen muss dem Schenken weichen – nur das Schenken selbst kann Prototyp sein. Dann würde sich vieles ändern. Wenn etwa die Sprache – inklusive der Prozesse des Benennens und Definierens – einmal von der Maskulisierung befreit ist, kann sie endlich wieder der kreativen Vermittlung zwischen Individuen und Kulturen dienen. Materielles Schenken wird wieder die Norm sein. Tatsächlich ist es so, dass wir, wenn wir den Tausch, das Ego und seine Elemente einmal gut genug analysiert und verstanden haben, jeden ihrer Aspekte auf eine Weise anwenden können, der uns nützlich ist – genauso wie wir die Technologie auf eine friedliche und ökologisch behutsame Weise zum Schaffen von Überfluss und der Versorgung aller anwenden können, wenn sie einmal von den Werten des Patriarchats befreit ist. Wollen wir also Elemente des Tausches und des ego-orientierten Bewusstseins behalten, weil sie uns nützlich erscheinen, steht dem nichts im Weg.

Eine Neuinterpretation der Moral im Sinne des Schenkprinzips würde so aussehen, dass das Auf-Andere-Ausgerichtet-Sein zum Leitprinzip unseres Handels und das entsprechende Bewusstsein paradigmatisch wird.

In einem gewissen Sinne würde dies eine Umarbeitung des Kategorischen Imperativs Kants bedeuten: Es ginge nicht nur darum zu fragen, ob das Prinzip, das unseren Handlungen zugrunde liegt, verallgemeinert werden könnte, sondern auch darum, so zu handeln, dass wir die Allgemeinheit des Prinzips bewusst machen und institutionalisieren können. Das Tauschprinzip könnte auf diese Art nie verallgemeinert werden, da es der Geschenke der Vielen bedarf, um zu funktionieren. Das heißt, es verlangt von manchen, das Schenken zum Prinzip ihres Handelns zu machen. Diejenigen, die den so genannten freien Markt für alle schaffen wollen, scheinen dies nicht zu begreifen.

Bedingte und bedingungslose Liebe

Gegenwärtig kann die Moral kaum positiv wirken, da sie immer wieder auf Herrschaftsstrukturen trifft. Wie wir gesehen haben, kann sie uns manchmal helfen zu schenken, wenn dies schwierig ist. Doch ein erzwungenes Geschenk verliert viele der positiven Aspekte des Geschenks. Außerdem geraten wir in eine Position, in der wir manipuliert werden können. Gegenwärtige Moral reproduziert die Bewertungsmuster der Maskulisierung und der monetären Definition. Anstatt um die Inhalte und Auswirkungen unserer Handlungen geht es um ihre Beurteilung durch andere. In unseren Liebesbeziehungen mögen wir um gegenseitige Aufmerksamkeit kämpfen, anstatt unsere Bedürfnisse gegenseitig zu befriedigen. Dies hängt eng mit den Urteilen, die wir erfahren, zusammen. Je besser das Urteil, desto mehr Recht darauf, Aufmerksamkeit zu empfangen als zu schenken. So versuchen wir positive Urteile darüber zu gewinnen, dass wir uns „schön“ machen. Unsere Liebe anderer wird dann ein reziproker Akt: wir lieben sie dafür, dass sie uns lieben. Das Tauschego bestimmt, was wir als Liebe begreifen. Wir verinnerlichen und veräußerlichen Tauschprinzip und Schenkprinzip gleichzeitig – in unseren Beziehungen mit uns selbst und mit anderen.

In unserer therapiegesättigten Gesellschaft wird viel von bedingungsloser Liebe gesprochen. Vielleicht haben die TherapeutInnen die heilende Kraft altruistischer, geschenkter Liebe in einer Tauschgesellschaft verstanden, in der Liebe oft nur mit Reziprozität, Wenn-Dann-Mustern oder gar Bestechung zu tun hat. Menschen, die sich anders, außerhalb des Tauschprinzips, lieben, können sich als VorbotInnen einer besseren Welt fühlen.

Besondere Umstände können auch heute das Geschenk bedingungsloser Liebe hervorrufen. Etwa wenn sich uns Nahestehende in Not befinden. Die tragische AIDS-Epidemie hat viele Menschen zum Schenken angeregt. Die Bewegungen gegen Kindesmissbrauch, Gewalt und Suchtverhalten, die Friedens-, Umwelt- und Anti-Nuklearbewegungen, die Freiheits- und Unabhängigkeitsbewegungen verlangen alle enorme Hingabe, Energie und Ausdauer.

Das Aufgeben von Erwartungshaltungen gegenüber anderen (wie es von VertreterInnen des „positiven Denkens“ empfohlen wird) kann tatsächlich helfen, zu einem bedingungslosen Auf-Andere-Ausgerichtet-Sein zu gelangen. Gleichzeitig wäre eine so extreme Position wie einseitig zu lieben nicht notwendig, wenn die Gesellschaft nicht so tief im Tausch stecken würde. Der Rollenwechsel zwischen aktivem Schenken und Empfangen ist das angemessene zwischenmenschliche Verhalten. Es kann praktiziert werden, ohne dass sich Erwartungen an das Schenken knüpfen müssen.

Erst wenn uns der Tausch und die Herrschaft verletzt haben, sodass uns das Vertrauen in diesen natürlichen Rollenwechsel abhanden gekommen ist, glauben wir, dass es notwendig ist, bedingungslos geliebt zu werden. Nur bedingungslose Liebe scheint dann wirkliche Liebe zu sein – egal wie sehr uns von Eltern, PädagogInnen und TherapeutInnen Reziprozität immer als Lebensprinzip eingebläut worden ist. Eine widersprüchliche Situation entsteht: Wir wollen bedingungslose Liebe geschenkt erhalten, glauben aber an den Tausch als die einzig menschenwürdige Art, sich zu verhalten. Die geschenkte Liebe wird damit zu einer Art Machteinsatz, der die erste Hälfte eines Tausches ist, der uns aufgezwungen wird (wir werden geliebt, ohne dass wir etwas dafür getan hätten) und dessen zweiten Teil wir nie leisten können.

Elterliche Erziehung (Parenting)

Viele unserer elterlichen Erziehungspraktiken sind barbarisch. Wir bringen Kinder zum Gehorchen, indem wir damit drohen, sie zu schlagen oder zu verstoßen. Damit lehren wir sie Tausch und das Denken im konditionellen Wenn-dann: „Wenn du dies tust, dann wirst du jenes bekommen!“ Auf diese Weise bringen wir Kinder dazu, uns und unseren Worten Wert zu schenken, so wie wir das wollen. Hier schaffen das Aufgeben des eigenen Willens und die Befriedigung der elterlichen Bedürfnisse groteske Formen von Fürsorge.

Selbst als Erwachsene verfolgt uns die Bedrohung der Verstoßung. Die Gesellschaft macht mit uns, was früher unsere Eltern mit uns machten. Die Drohung der Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit oder Einsamkeit bedroht jedes Heim, jeden Arbeitsplatz, jede Familie und jedes Individuum. Es gibt eine permanente Bedrohung von Mangel an Liebe und Zuwendung, die der permanenten Bedrohung von Mangel an Geld und fürsorglichen Gütern entspricht. Produkte, für die es keinen Markt bzw. keine Verwendung im Produktions-Tausch-Konsumptions-Zyklus gibt, werden von unserer Gesellschaft abgestoßen. Genauso können wir jederzeit abgestoßen werden. Wir werden aus den privilegierten Marktkategorien ausgeschlossen und finden uns im Abfalleimer von Zeit und Raum wieder. Diese Bedrohung wirkt sich sowohl auf Männer als auch Frauen aus und zwingt sie in Herrschaftsverhältnisse, Don-Juan-Modelle, monetäre Eines-Viele-Strukturen oder eine Supermutter-Rolle (die der Rolle eines nützlichen Produkts gleicht).

Die phallischen Bilder und Strukturen unserer Gesellschaft, sowie der Mangel an bedeutungsvollen Ritualen und bedeutungsvoller Arbeit außerhalb derselben, bestätigen das maskulisierte Ego unentwegt. Alles – von der Armee zur ökonomischen Ausbeutung – verbindet die Maskulinität mit Aggressivität. Männliche Teenager lernen, dass sie andere beherrschen können, wenn sie sich entsprechend aufspielen: zum Beispiel mit großen phallischen Autos oder vielen Freundinnen. Teenagerinnen lernen, den großen Autos Aufmerksamkeit zu schenken und die Möglichkeit, verführt und verlassen zu werden, zu akzeptieren. Von der Rakete bis zur Nummer 1, vom Trump Tower bis zum Elfenbeinturm zieht das selbstähnliche phallische Bild Aufmerksamkeit auf sich und schafft kristallisierte Rituale, auf die wir alle ständig bezogen werden, gemäß unserer spezifischen Positionen und Rollen. Die phallischen Objekte sind in unserem täglichen Leben so präsent, dass wir ihrer Macht gar nicht mehr bewusst sind. Unbewusst beeinflussen sie unser Verhalten jedoch in jedem Augenblick.

Der Kompromiss (oder das Hybrid), den die Gesellschaft zwischen Tausch- und Schenkprinzip vorgeschlagen hat, ist, zu tauschen, um zu schenken. Dies schlägt sich auch auf unsere persönlichen Beziehungen nieder. Wenn wir beginnen, Zuneigung zu messen und als Tausch zu begreifen, kann das dazu führen, dass wir eine Beziehung aufgeben, wenn wir meinen, nicht genug zu erhalten. Dies scheint eine „vernünftige“ Maßnahme zu sein. Das Bleiben in der Beziehung schiene „selbst zerstörerisch“. Das, was wir nicht erhalten, kann sowohl monetär definiert sein (der/die PartnerIn „trägt nicht genug zum Haushalt bei“) als auch emotional (der/die PartnerIn gibt nicht genug oder „tauscht“ mit anderen anstatt mit uns selbst). TherapeutInnen und FreundInnen werden zu Rate gezogen, um das Tun des/der PartnerIn zu beurteilen und die Zweckmäßigkeit abzuschätzen, ihn/sie zu verlassen oder nicht.

In Beziehungen, die auf dem Schenken basieren, ist das Schenken selbst ein Gegebenes, das nicht durch den Tausch verdient werden muss. Dies schafft für beide PartnerInnen eine Atmosphäre der Sicherheit und mehr Spielraum für Entwicklung. Sexuelle Attraktivität erregt viel wechselseitige Aufmerksamkeit. Es kommt zu einem Teilen von Energien. Auch dies entspricht dem Schenkprinzip.

Ich glaube, dass die meisten Beziehungen auch heute noch im Grunde dem Prinzip des Schenkens folgen – zumindest zu Beginn. Doch werden sie in dem Moment schwierig, in dem sie vom Tauschdenken infiltriert werden. Dann beginnen wir, Schenken und Empfangen gegeneinander aufzuwiegen und unserem eigenen Schenken Grenzen zu setzen, wenn wir meinen, dass wir nicht genug dafür zurückerhalten.

Die materielle Kommunikation des Schenkprinzips würde die bedingungslose, einseitige Liebe wohl leichter machen. Vielleicht ist das der Grund, warum Frauen ihre Kinder lieben und mit ihnen sein wollen, während Männer sie oft aufgeben. Oder warum Frauen selbst untreuen Männern treu bleiben.

Das Schenkprinzip vermag sich selbst in einer feindlichen Umgebung zu behaupten (zumindest für eine Zeit). Wenn wir das Schenken im Überfluss praktizieren würden, nicht nur im eigenen Heim, sondern auch kollektiv, als Modell unserer Ökonomie und unserer sozialen Institutionen, dann würden sich zweifellos unsere menschlichen Beziehungen verbessern und unsere inneren Konflikte leichter heilen.



Der Fall eines modernen „wilden“, sprachlosen Kindes wurde vor kurzem von Russ Rymer in Genie beschrieben. Rymers Buch zeigt, wie wenig das Mädchen Genie je beschenkt wurde. Zuerst Opfer von Isolation und Missbrauch durch ihre Eltern, dann Spielball bürokratisch-akademischer Interessen, war sie beinahe so weit von direkter Fürsorge entfernt wie Victor von Averyon, das „Wolfskind“, das ein Jahrhundert früher der Autorität von Jean Marc Gaspard Itard unterworfen war. Genie war in der Lage zu kategorisieren, lernte aber nie Syntax. Ihre Sammlung von Behältern (Sandkübel und Plastikbecher) füllte einen ganzen Raum, was ich als eine Analogie zu Wortkategorien ohne Geschenke lese. Ich denke, dass die Idee des „Zu-etwas-Gehörens“ oder des Eigentums nicht genug war, um ihr das Erlernen von Sprache zu ermöglichen. Sie hätte dazu die fürsorgliche Kommunikation gebraucht, die der Sprache vorausgeht. Sie hatte nicht genug Schenkerfahrung, um in der Lage zu sein, das Schenken zur Sprache in Beziehung zu setzen und Dingen auf diese Weise Wert zuzuschreiben. Rymer zeigt, wie Genie, nachdem sie aus ihrer Gefangenschaft befreit worden war, von ihren akademischen FürsorgerInnen als Forschungsobjekt ausgenutzt wurde. Genie erreichte eine gewisse Stufe der Entwicklung, konnte jedoch nicht über diese hinaus gehen. Sie konnte Schenkbeziehungen nicht auf Wörter projizieren. Dies zeigt die Unzulänglichkeiten des Tauschprinzips. Zum Beispiel, dass der Kategorie mehr Wert zukommt als dem Inhalt. Oder dass Menschen (speziell maskulisierte Männer) für das geschätzt werden, mit dem sie ausgestattet sind bzw. mit dem sie angeblich geboren wurden: männliches Geschlecht, Seele, Persönlichkeit, Identität und (so glauben manche) Sprache. In Wirklichkeit werden alle diese Attribute vom Schenken geschaffen. Genie wurde nie geschenkt und so war es ihr nicht möglich, das Modell des Schenkens dazu heranzuziehen, ihre Kategorien mit den Werten des Auf-Andere-Ausgerichtet-Seins zu versehen oder ihr Selbst linguistisch zu konstruieren.

 

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