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Theory
of The Gift Economy


Intro

Kapitel 1
Am Anfang

Kapitel 2
Sprache und Denken

Kapitel 3
Reziprozität

Kapitel 4
Definition und Tausch

Kapitel 5
Die Kategorie des Menschen

Kapitel 6
Marksistische“ Kategorien

Kapitel 7
Die kollektive Quelle

Kapitel 8
Kastrationsneid

Kapitel 9
Is = $

Kapitel 10
Wert

Kapitel 11
Der Übergang zum Tausch

Kapitel 12
Wie dem Tausch Wert geschenkt wird

Kapitel 13
Markt und Geschlecht

Kapitel 14
Zu existieren verdienen

Kapitel 15
Das Zeigen und das Patriarchat

Kapitel 16
Das Zeigen des Egos

Kapitel 17
Was repräsentiert die Demokratie?

Kapitel 18
Die nicht-maskulisierten Protagonistinnen gesellschaftlichen Wandels

Kapitel 19
Traum und Realität

Kapitel 20
Schenken und Liebe

Kapitel 21
Vom Garten zum Gral

Kapitel 22
Kosmologische Spekulationen

Kapitel 23
Nach den Wörtern – die Theorie in der Praxis

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Die kollektive Quelle

Mithilfe der Sprache findet jedes Individuum seine eigene Antwort auf die wichtigste philosophische Frage unserer Zeit: ”Was ist die Beziehung der Einzelnen zu der Menschheit im Gesamten?” Die Beziehung des Individuums zu seiner Kultur und von dieser zu den sechs Milliarden anderer Menschen, die heute die Erde bevölkern, ist sehr verschieden von der Beziehung des Individuums zu seinem Dorf oder seiner sozialen Gruppe in vergangenen Zeiten. Wir leben heute mit medialen Bildern und Informationen über Milliarden von Menschen, die wir niemals persönlich sehen oder treffen werden. In ähnlicher Weise haben wir Bilder von unserem Planeten, wie er inmitten von Millionen anderer Galaxien und Milliarden anderer Sterne bzw. all derer Planeten liegt. Während unser Wissen um die Menschheit und das Universum gewachsen ist, hat sich unsere Bedeutung als Individuum – im Verhältnis zum Ganzen – erheblich verringert. Für uns selbst stehen wir jedoch nach wie vor im Vordergrund und wirken ausgesprochen wichtig, da unser Blick auf uns selbst gerichtet bleibt.

Aus der Perspektive des Schenkprinzips sieht die Antwort auf die oben gestellte Frage in etwa so aus: Jeder Mensch ist Teil einer Gemeinschaft, da seine Identität im Zusammenspiel mit dem geformt wird, das die Gemeinschaft zur Verfügung stellt, das heißt mit deren linguistischen und kulturellen Geschenken, die uns allen von anderen geschenkt werden und die wir allen an andere schenken. Unsere physischen und psychischen Subjektivitäten werden mithilfe dieses Materials geschaffen, dieser Matrix (oder Mutter), die wir selbst wieder als Vorlage für andere reproduzieren. Wir sind alle ein Punkt oder Ort, ein Stich im Gewebe, der von der Weitergabe unzähliger Geschenke bedingt ist. In diesem Gewebe schafft der kollektive Prozess – durch Geschenke auf allen möglichen Ebenen – Beziehungen zwischen Dingen und Wörtern, Wörtern und Wörtern, Dingen und Dingen und schließlich zwischen uns und allen anderen.

Die Reproduktion der Maskulisierung auf verschiedenen Ebenen hat die Konfiguration dieses kollektiven Prozesses geändert und richtet seinen Fluss hin auf eine Gruppe von Herrschenden, die versuchen, ihre individuelle Wichtigkeit auszudehnen, indem sie Kontrolle über das Kollektiv und seine Geschenke übernehmen. Diesen Individuen wird oft von anderen gedient, die dadurch indirekt in eine Beziehung mit den Vielen durch ihre Beziehung zum Einen eintreten, der die Vielen beherrscht. Es wäre wohl denkbar, dass die Herrschenden ihre Geschenke den Vielen zurückgeben. Nur verträgt sich dies nicht mit ihrer Geschlechtsrolle. Leider hat die Herrschaftsstruktur des Einen über die Vielen ihre mögliche Konsequenz in der Zerstörung der Vielen durch den Einen. In jüngerer Zeit hat vor allem die Möglichkeit nuklearer Zerstörung diese Gefahr offensichtlich gemacht (und manche Eine haben bereits mit ihr gespielt). Wir müssen die wirklichen Grundlagen der Motivation zu herrschen, offen legen und uns selbst neu erschaffen durch die Prozesse des Schenkens und Empfangens. Nur so können wir einen Weg zu finden, uns aufeinander als Fürsorgende zu beziehen: als Ein(zeln)e unter Vielen wie als Viele unter Vielen.

Ökologische Nischen

Eine ökologische Nische ist ein Geschenk, das denen, die es erhalten, erlaubt, sich zu entwickeln. Die Bedürfnisse, die sich in diesen Nischen entwickeln, sind solche, die von der Nische erfüllt werden können. Sprache ist ein Produkt (und ein Nebenprodukt) des Lebens vergangener Generationen, das an gegenwärtige Generationen und Individuen weitergegeben und von diesen genutzt werden kann. Sprache ist in diesem Sinne eine kollektiv geschaffene kulturelle ökologische Nische.

Wir müssen uns miteinander in Bezug auf Dinge verbinden, weil sie für uns auf verschiedene Weisen kollektiv wertvoll sind. Und wir müssen in der Lage sein, Dinge kollektiv und individuell auf verschiedene Weisen anzuwenden, um ihren Wert fruchtbar werden zu lassen. Andere in der Gesellschaft haben viel zum Wert dieser Dinge beigetragen, aber das Gleiche gilt für den Wert der Wörter. Zumindest die Erklärungen dafür, wie die Dinge in unserer unmittelbaren Umgebung am besten anwendbar sind, werden uns gewöhnlich geschenkt. Sie sind einfach da und wir brauchen sie nur aufzuheben – und wenn nicht, erhalten sie uns von unseren Müttern. Dieses Wissen – sowie das Wissen um die unseren Zwecken dienlichen Anwendungen der Dinge – wird uns von den anderen der Gemeinschaft vermittelt. All unsere materielle Kultur existiert nur, weil sie von anderen über Jahrhunderte hinweg geschaffen und mithilfe der Sprache weitergegeben wurden. Dabei gab es jedoch viele Verdrängungsprozesse: Frauen und die Dinge selbst wurden aus dieser Überlegung meist prinzipiell ausgeschlossen und Philosophen haben die Leben und Geschenke der Vielen der Vergangenheit (und Gegenwart) oft genug ignoriert, weil sie Wörter über Dinge schätzten und die Welt von einem dekontextualisierten, maskulisierten Blickwinkel aus betrachteten. Sexismus reicht viel weiter als die Geschlechterfrage. Er verursacht Verleugnungen und Verdrehungen von Perspektiven, was vieles andere beeinflusst. Der Sexismus drängt sich in die Dialektik von Wörtern und Dingen, Definierenden und Definiertem, und ändert damit wesentlich unsere Perspektiven und unsere Weltbilder.

Der Tausch hat einige Sprachprozesse falsch aufgefasst („falsch genommen“ – „mis-taken“) und, indem er sie auf eine andere Ebene gehoben hat, eine Situation geschaffen, in der das Geschenk tatsächlich von der Anforderung eines äquivalenten Gegengeschenkes ersetzt wird. Diese artifizielle Situation wird erzeugt, indem jener Teil der Sprachstruktur reproduziert wird, wo das Wort den Platz eines Dings einnimmt und damit das Schenken des Dings unnotwendig macht für die Kreation einer menschlichen Beziehung: Ich brauche dir diese Blume nicht zu geben, um eine menschliche kommunikative Beziehung mit dir zu schaffen – ich brauche einfach nur „Blume“ zu sagen. Das Wort nimmt damit auch die Rolle eines Prototypen ein. In der Beschreibung des Kategorisierungsprozesses sahen wir, dass der materielle Prototyp nicht länger notwendig ist, wenn das Wort seinen Platz einnimmt, um zu demonstrieren, was in die entsprechende Kategorie gehört. Gleichermaßen löscht auf der Ebene des Tausches das Gegengeschenk den Geschenkcharakter des ersten Geschenks aus und ersetzt es mit dessen „Wert“. Das Geschenk wird demnach von nun an von seinem Gegengeschenk re-präsent-iert. Dies wird besonders deutlich, wenn das Gegengeschenk Geld ist.

Geld nimmt den Platz eines Produktes als Gegengeschenks ein, indem es als dessen Äquivalent fungiert. Es ersetzt das Produkt auf diese Weise bzw. löscht es aus. Geld misst und re-präsent-iert den Wert des Produktes im Tausch also als Ersatzgeschenk (siehe Kapitel 3). (Interessanterweise funktioniert Geld – der Schiedsrichter des Tausches – nur, wenn es gegeben wird.) Geld löscht dabei sowohl den qualitativen Wert eines Produktes aus als auch dessen Schenkwert (die Implikation, dass die Person, der geschenkt wird, dadurch auch Wert geschenkt wird) und ersetzt sie mit quantitativem Wert und Tauschwert. Damit kann das Produkt nunmehr mit allen anderen Produkten auf dem Markt verglichen werden.

Der fürsorgliche menschliche Akt des Schenkens wird manipuliert und der Kategorisierungsprozess wird verwendet, um die Segregation des Privateigentums einzurichten. Dieser Gebrauch des Kategorisierungsprozesses (und einer manipulierten Linguistik) erlaubt allen Tauschenden von nun an die Charakteristika des Definitionsprozesses zu realisieren, um das Ersatzgeschenk Geld zu geben und zu erhalten. Die Tauschenden können damit etwas geben, ohne wirklich etwas zu verlieren. Wert kommt nur noch den Dingen zu bzw. deren Ersatz: dem Geld – nicht mehr anderen Personen. Geld ist das Kommunikationsmittel, durch welches das Produkt definiert wird, und die Kaufenden lassen es den Verkaufenden auf sehr ähnliche Weise zukommen wie die Definierenden das Definiendum den Zuhörenden. Wie im Definitionsprozess das Ding, das es zu definieren gilt, wird im Tausch das Produkt aufgegeben (hier von den Verkaufenden). Im Kategorisierungsprozess wird der Geschenkwert des Produkts also ausgelöscht und von dem Geldbetrag ersetzt, mit dem es getauscht wird und den wir daher seinen „Tauschwert“ nennen. Sobald das Produkt das Eigentum der Kaufenden wird, verlässt es den Marktprozess und erhält einen „Gebrauchswert“.

Wenn der Prozess des Tausches denjenigen, die etwas erhalten, den Wert vorenthält, der ihnen im Schenkprozess zukommt, bzw. wenn er den Schenkwert des Produktes auslöscht, so geschieht dies auf eine Weise, die gewöhnlich nicht erkannt wird. Dies deshalb, da im Gebrauchswert, der dem Tauschwert folgt, keine sozialen Dimensionen enthalten sind. Wenn wir für ein Produkt bezahlt haben, interessiert uns nicht mehr, woher es kam. Ob das Produkt, das wir anwenden, von unterbezahlten ArbeiterInnen in der so genannten Dritten Welt, von Kindern oder von US-Gewerkschaftsmitgliedern produziert wurde, spielt für uns gewöhnlich keine Rolle. Das Produkt ist fertig, um von uns gebraucht zu werden. Denen, die es produziert haben, wird weder Dank noch Anerkennung zuteil. Und genauso wenig wird das Produkt als fürsorgliches Geschenk direkt von den Produzierenden erhalten, was den Erhaltenden als Beschenkten Wert geben würde. Anstelle dessen werden Anerkennung und Dank denen zuteil, die am Tausch Geld gemacht haben, und vielleicht den Kaufenden oder den Verkaufenden oder dem Marktprozess selbst. Es gibt also einen unsichtbaren, logischen Unterschied zwischen Gebrauchswerten, die einem Tauschprozess entspringen, und Gebrauchswerten, die davon herrühren, dass Menschen etwas direkt für andere produzieren und es ihnen als Geschenk zukommen lassen. Ein Schenkwert wird den Produkten zusätzlich zuteil, wenn sie zur Bedürfnisbefriedigung anderer angewendet werden – doch der Schenkwert, der direkt von den Produzierenden kommt, wird im Tauschprozess unwiederbringlich ausgelöscht bzw. in Profit für andere verkehrt.

Von der Welt ausgehen

In seiner Analyse von Geld und Waren (Produkten im Tausch) erklärte Marx die Waren zum Ausgangspunkt. Er meinte, dass frühere Denker falsch gelegen hätten, als sie in ihren ökonomischen Betrachtungen vom Geld ausgingen. Wir können eine ähnliche Überlegung anstellen hinsichtlich der Beziehung zwischen Wörtern und der Welt: Wenn wir unsere diesbezüglichen Fragen formulieren, nehmen wir gewöhnlich die Wörter als Ausgangspunkt. Dies bringt uns von Anfang an auf den falschen Weg. Wir müssen von der Welt ausgehen, nicht von den Wörtern – von der materiellen Kommunikation, nicht von der verbalen. Die Antworten finden sich in der Aktivität des Schenkens. Wenn wir jedoch von den Wörtern ausgehen, können wir weder den Schenkcharakter von Wörtern nochvon Dingen sehen, da dieser heute aus mehreren Gründen verborgen bleibt: wegen der Transparenz des Wortes, wegen der Belastung des Wortes mit der Maskulisierung und wegen der Überbewertung des Platz einnehmenden Elements im Definitionsprozess (und verwandten Prozessen).

Nachdem sie sich den maskulisierten Männern gegenüber in einer unterlegenen, schenkenden Position befinden, ist die Position der Frauen in Bezug auf die Wörter der Position von Dingen ähnlich. Es ist daher für Frauen einfacher, Sprache aus der Perspektive der Dinge zu begreifen, während Männer gewöhnlich die Perspektive der Wörter einnehmen. Natürlich können alle Menschen auch Dinge sein, die auf Wörter bezogen sind, wenn über sie gesprochen wird: „die Person da drüben“, „der nächste in der Reihe“, „Janas Freund“. Weil aber das Wort vom männlichen Geschlecht besetzt gehalten wird, befinden sich Frauen in ihrer Beziehung zum Wort in derselben Rolle wie die Dinge. Frauen wissen, was es heißt, wenn über eine Person gesprochen wird anstatt sie selbst sprechen zu lassen; sie wissen, was es heißt, denen Platz zu machen, die den ihren beanspruchen und sie öffentlich repräsentieren, während sie zuhause weiter schenken.

Frauen sind ständig aktiv, erledigen die Aufgaben von Instandhaltung des Heims, Fürsorge, Kinderbetreuung (all die Aufgaben, die ihnen zuteil wurden) und verleihen ständig anderen Wert. Dinge hingegen tun das nicht. Zumindest nicht auf die gleiche Weise. Sie setzen sich nicht in Beziehung zu Menschen. Woher kommt dann ihre aktive Dimension? Sie kommt von der Aktivität und kreativen Aufnahmefähigkeit des Kollektivs, die jenseits des Individuums liegen, nämlich im unsichtbaren Hintergrund, in den die Vielen verbannt sind und in dem wir Frauen uns Jahrhunderte lang aufhielten. Unser unanerkanntes Schenken, unser direktes und indirektes Für-Andere-Sorgen, sind sowohl Ursache als auch Wirkung einer endlosen kollektiven Dialektik, die sich im Austausch mit den materiellen Dingen ereignet. In dieser Dialektik wird direkt geschenkt, aber sie produziert auch eine Reihe an Geschenken als „Nebenprodukte“. Das Patriarchat lässt es dabei freilich manchmal so aussehen, als wären Frauen selbst (und andere Menschen im Hintergrund) Nebenprodukte von Männern, ausgestattet mit einem Wert, der ihnen – wie den Dingen – nur vom Kollektiv gegeben wird und der keiner ist, der von ihrer eigenen Aktivität, von ihrem Schenken kommen würde. Frauen werden mit Dingen auch in dem Sinne gleichgesetzt, dass sie Wörtern erlauben, ihren Platz einzunehmen.

Die Behandlung von Frauen als Dingen, die im Rahmen einer Beziehung des Einen zu den Vielen jenen Männern ausweichen (um sie gleichzeitig zu versorgen), die ihren Platz einnehmen und sie besitzen oder kontrollieren, reproduziert die Beziehung zwischen Dingen und Wörtern, die immer so schwierig für die männlichen Philosophen zu verstehen war, weil sie ständig von ihrer eigenen Position ausgingen, also der Position der Platz-Einnehmenden, Besitzenden und Kontrollierenden, der Einen, die den Vielen gegenüberstehen. Frauen, die als Dinge behandelt werden, können jedoch von der Position der Dinge ausgehen bzw. der Position der Vielen – derer also, die schenken und ausweichen.

Jemand mag fragen: Schenken Dinge wirklich und weichen sie Wörtern auf die gleiche Weise aus wie Frauen Männern ausweichen? Wir können dann weiterfragen: Werden Dinge in dem Gewebe der unzähligen Geschenke, die das Leben des Kollektivs ausmachen, lebendig durch unsere magischen Hände und machen wir sie zu Pinocchios, die endlich dem Wort des Vaters hörig sind? Oder ist das alles Projektion? Geppettos Wörter einmal beiseite gelassen, fühlen Hexen (und die blaue Fee) das Leben in Dingen vielleicht deshalb, weil sie die Dinge wie sich selbst sehen: belastet mit dem Fluch der Objektivierung. In jedem Fall sind unsere Wörter anders, weniger leer als die der maskulisierten Männer – weil wir auch Dinge sprechen (because we also speak things).

Von den Wörtern ausgehen

Von den Wörtern auszugehen bzw. Wörter auf Dinge zu beziehen, teilt das Wort in zumindest zwei Teile: das „Mittel“ (Laut, Signifikant, Zeichen, Schrift, Geste) und die „Bedeutung“ (Idee, Signifikat, Referent, designatum). Ich glaube, dass wir dabei den Wert eines Dings auf die Bedeutung des Wortes, das wir für dieses Ding verwenden, übertragen. Daraufhin werden die Dinge vom Wort getrennt und ihres Kommunikationswerts beraubt. Weder die Aspekte des Auf-Andere-Ausgerichtet-Seins von Dingen oder von Wörtern werden dabei erkannt und wertgeschätzt. Wörter haben nicht so sehr Wert in und an sich selbst, sondern als ein Ersatzgeschenk, das die Werte der Dinge in die Kommunikation überträgt und dort nutzbar macht. Dies trägt dazu bei, Gemeinschaft in all ihrer Vielfalt zu formen, indem es uns allen möglich wird, uns mit anderen auf spezifische Weisen zu verbinden, wenn wir uns gemeinsam auf Etwas (ein „Ding“) in der Welt beziehen. Der Wert der Dinge liegt darin, allgemein für andere zu existieren.

In der Gemeinschaft, die von der Maskulisierung korrumpiert wurde, reproduziert die Beziehung zwischen den Geschlechtern jene zwischen Dingen und Wörtern (was sie nicht begreifen). Es ist zu diesem Problem gekommen, weil Menschen besser auf Definitionen als self-fulfilling prophecies zu reagieren imstande sind als Dinge – egal wie belebt diese auch erscheinen mögen. Männer üben die Rolle des Wortes aus, Frauen jene der Dinge. Indem die Männer den Platz der Frauen einnehmen, werden sie zu Ersatzgeschenken, die Frauen für andere repräsentieren, womit ihnen in der Kommunikation im Rahmen der Gemeinschaftsform, die wir Patriarchat nennen, jener Wert zukommt, der eigentlich derjenige der Frauen ist. Frauen helfen dabei mit, diese Form von Gemeinschaft zu etablieren und aufrechtzuerhalten. Männer sind gewissermaßen die kollektiven Ersatzgeschenke der verborgenen individuellen Geschenke der Frauen. Auch die Dinge haben einen verborgenen Geschenkaspekt, der den Wörtern zugeschrieben wird, die ihren Platz einnehmen. Männer und Wörter erscheinen somit selbstbezogen und Frauen und Dinge nicht. Die Ursache dieser Verwirrung ist das Auseinanderfallen der menschlichen Gemeinschaft integrierter, sich selbst und andere schaffender Sprechender und Zuhörender (und Schenkender und Beschenkter) in zwei isolierte und entgegen gesetzte Geschlechtskategorien.

Bedeutung

Wenn wir von den Dingen anstatt den Wörtern ausgehen, können wir Bedeutung in den Dingen selbst erkennen – in all ihrer Vielfalt von Erscheinungen und Anwendungen und in ihren Beziehungen zu Wörtern als ihren Ersatzgeschenken im Rahmen menschlicher Kommunikation. Unterschiedliche Dinge, die auf ein- und dasselbe Wort bezogen sind (was wir gewöhnlich die unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes nennen), haben auch Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel kann sich das Wort „süß“ auf den Geschmack von Honig beziehen, oder den eines Kuchens, oder auch auf eine Person mit einer herzlichen Erscheinung. Sowohl der Honig als auch der Kuchen als auch die Erscheinung haben dabei Relevanz für uns Menschen in und an sich selbst. Wenn die drei nicht auf ein- und dasselbe Wort bezogen wären, wären sie auf verschiedene Wörter bezogen. Selbst wenn sie auf überhaupt kein Wort bezogen wären (keinen Namen hätten), könnten sie auf Sätze bezogen werden, deren Wörter sich auf einige ihrer Charakteristika beziehen. Die Tatsache, dass Dinge auf ein Wort bezogen sind (dass sie einen Namen erhalten haben), impliziert nur, dass sie (oder Dinge wie sie) verwendet worden sind, um kollektive kommunikative Bedürfnisse zu befriedigen. Es kommt ihnen ein bestimmtes Maß an Allgemeinheit zu. Es sind dabei aber nicht nur die Wörter, die allgemein sind, sondern auch die Dinge selbst. Im Kategorisierungsprozess wird die Fähigkeit der Dinge, auch für andere anwendbar zu sein, deutlich durch die Allgemeinheit des Prototyps und die Polarität des allgemeinen Wortes. Die Tatsache, dass es für ein Ding ein Wort gibt, drückt die Allgemeinheit dieses Dings aus, nicht nur die des Wortes. In der Tat ist das Wort an sich selbst nichts – es ist abhängig von der Beziehung, die die Dinge zu ihm einnehmen.

„Bedeutung“ ist der von oben nach unten gerichtete und auf dem Wort basierende Begriff für die Beziehung zwischen Dingen und Wörtern. Diese Beziehung wird in permanenten Prozessen von Menschen füreinander geschaffen, individuell wie kollektiv. Wir glauben gewöhnlich nur an Wort-Ding-Beziehungen, aber es sind tatsächlich die Ding-Ding- und die Ding-Wort-Beziehungen, die Wörtern für Menschen Wert verschaffen. Die Ding-Wort-Beziehung ist auch aus einigen anderen Gründen wesentlich für das Schaffen unserer Identitäten: Menschen sind füreinander auch Dinge, die auf die Welt bezogen sind (wir sprechen beispielsweise über uns selbst – siehe oben); wir versorgen einander auf vielen Ebenen materiell und linguistisch; und – wie wir gesehen haben – folgen auch unsere Selbstkonstituierungsprozesse linguistischen Prozessen.

Wir haben diese linguistischen Prozesse sowohl in die ökonomische und politische Organisation der Gemeinschaft projiziert als auch in die Familienstruktur. Die Projektionen bestärken und belohnen einige Verhaltensweisen und werten andere ab; sie dressieren uns und beeinflussen unsere Identitäten. Sie schaffen die Kontexte, in denen wir leben, und sie legen uns die Parameter der Wirklichkeit auf, in der unsere selbst konstituierten artifiziellen Identitäten zu operieren haben (und die wir „Patriarchat“ nennen). (Siehe Graphiken 11 und 12.)

Nicht nur nehmen Frauen in den USA den Namen ihrer Ehemänner an, sondern – wie in Traditionen andernorts – sie überlassen Männern auch ihren Platz in der Öffentlichkeit und erlauben ihnen, für sie zu sprechen und für sie Entscheidungen zu fällen. Die Identität der Frauen wird definiert über jene, zu denen sie in Beziehung stehen. Wie wir gesehen haben, müssen wir von den Dingen selbst ausgehen, wenn wir etwas über die Beziehung zwischen Dingen und Wörtern wissen wollen. Genauso wie uns der Feminismus gelehrt hat, dass wir von den Frauen ausgehen müssen, wenn wir etwas über die Beziehung zwischen Frauen und Männern wissen wollen.

Männer haben Jahrhunderte lang über Dinge von Wörtern ausgehend nachgedacht, genauso wie sie von sich selbst ausgehend nachgedacht haben, wenn sie versuchten, Frauen und Kinder zu verstehen. Es sieht für mich so aus, als dass diejenigen, die nach dem Sinn des Lebens suchen, genauso wie die, die nach dem Sinn von Wörtern suchen, einen auf dem Wort beruhenden Zugang von oben nach unten wählen. Anstelle dessen sollten wir jedoch alle vom materiellen Schenken ausgehen und nicht vom linguistischen, ersetzenden, repräsentierenden Schenken. Wir müssen Dinge selbst schenken, um die materiellen Bedürfnisse anderer zu befriedigen, um Reichtum für alle zu schaffen, um wirklich zu ko-muni-zieren und um physische Subjektivitäten (Körper) zu formen. Wörter reichen dazu nicht aus. Sie können nur helfen, linguistische oder psychologische Subjektivitäten von Kommunalität zu formen. Wir aber müssen die systematischen Änderungen durchsetzen, die wieder allgemeine materielle Kommunikation auf allen Ebenen möglich machen wird.

Parasitäre Beziehungen

Altruismus mag heute manchmal geheuchelt erscheinen, doch liegt der Grund dafür nur darin, dass das maskulisierte Tauschego Altruismus ohne das Vorbild der Mütterlichkeit auszuüben versucht. Die Folge sind paternalistische Wohlfahrtseinrichtungen, die Almosen verteilen – gerade genug, um einigen Individuen etwas das Leben zu erleichtern. Sozial wirklich verändert wird nichts. Unsere Wohlfahrtssysteme bewahren Kontrolle über ihre „Geschenke“ und die von ihnen „Beschenkten“ mit Vorstellungen von „Vertrauenswürdigkeit“, denen zufolge sich die Beschenkten ihre Geschenke gewissermaßen verdienen müssen. Auch Frauen (selbst Mütter) akzeptieren dieses Prozedere heute als Wohltätigkeit und Norm altruistischen Handelns. Wenn wir Frauen aber damit fortfahren, die Mütterlichkeit zu diskreditieren und unseren Blick nur noch auf die sich selbst legitimierenden Prinzipien von Maskulisierung und Tausch richten – egal ob das aufgrund unseres eigenen zunehmenden Erfolgs innerhalb des System geschieht oder einfach weil wir uns mit dem männlichen Anderen identifizieren, das uns unterdrückt – dann werden wir das revolutionäre (das „re-evolutionäre“) Potential verlieren, das das Herz der weltweiten Frauenbewegung ausmacht.

Nachdem wir Jahrhunderte lang ein männliches Warengesetz akzeptiert haben, demzufolge wir unterlegen bzw. „Dinge“ waren, und nachdem wir jetzt ein Warengesetz akzeptieren, dem zufolge wir dem männlichen Modell „gleich“ sein sollen, riskieren wir den Verlust unserer Verbundenheit mit der Mutter Erde, den Verlust unserer Möglichkeit, sie vor den Spiegeln des Tauschprinzips zu retten, den Verlust unserer Mütter, von uns selbst, von unseren Töchtern und unseren Söhnen. Die Menschheit scheint als Spezies in der Lage, sich selbst auszulöschen, weil es das Beispiel der im Überfluss schenkenden Mutter nicht wertschätzt, ja es oft genug noch nicht einmal wahrnimmt. Wir haben das Schenken, das die Quelle des Lebens und der Freude ist, zum Sklaven eines artifiziellen maskulisierten Egos und seiner ökonomischen, politischen und ideologischen Ausdrucksweisen gemacht. Dies führt dazu, dass die Geschenke der Menschheit nur einer Minderheit zukommen, deren Ausschweifungen mit Bedürfnisbefriedigung nichts zu tun haben und stattdessen in phallischer Aufrüstung enden – in tödlichen Kennzeichen, anhand derer eine Gruppe ihre Überlegenheit über eine andere zu demonstrieren vermag (bzw. die privilegierte Position des Prototyps im Kategoriebildungsprozess besetzt hält), die ihrerseits dazu gezwungen wird auszuweichen.

Auf diese Weise werden die den Massen abgezwungenen Geschenke für Unternehmen verschwendet, die nichts mit Fürsorge zu tun haben, sondern nur mit Zerstörung. Millionen von schenkenden Herzen, Geistern und Körpern werden dabei geopfert. Indem die Zerstörung sich gegen die Gemeinschaft wendet, wendet sich die Kommunikation gegen sich selbst. In den Teilen der Welt, die nicht direkt von Krieg betroffen sind, wird dabei jener Reichtum zerstört, der uneingeschränktes Schenken ermöglichen würde. Dies geschieht, da der Reichtum zur Aufrüstung der Kriegsgebiete verwendet wird. Letztlich werden nur die Bedürfnisse des Krieges befriedigt bzw. das phallische Tauschprinzip versorgt.

Wir haben eine Reihe von Beziehungen geschaffen, in denen eine kleine Minderheit an Menschen zu Parasiten im Körper der Massen wird und damit das Privileg reproduziert, das geschaffen wurde, als die Hälfte unserer Babys einer linguistisch vermittelten, nicht-fürsorglichen, „überlegenen“ Kategorie zugeschrieben wurden. Diese Kategorie wird mit speziellem Wert ausgestattet und von den Fürsorgenden gepflegt, da ihr das Mandat zukommt, der Prototyp sozialer Kategorisierung zu sein. (Wobei die Position des Prototypen nur ein konzeptioneller Mechanismus ist, der die Organisation unserer Wahrnehmungen bestimmt – sie hat nichts mit Liebe oder Überflüsse zu tun.) Es liegt an den Massen, sich von den Parasiten zu befreien – wir dürfen es nicht länger zulassen, dass diese uns ihre Wege aufzwingen.

Das Parasitentum besteht aus Spiegeln – Tauschhandlungen, Definitionen, Urteilen – und braucht für seine Aufrechterhaltung Energie, Geld, Essen und Zeit. Es muss also von irgendwoher versorgt werden, um zu wachsen, um ein privilegiertes Eines zu sein, das den Vielen überlegen ist. Dieser traurige Zustand ist nicht irgendjemandes Schuld. Tatsächlich sind Schuld und Schuldzuweisung nur Teile des Tauschprinzips – sie sind Mechanismen, die andere zum „Zurückzahlen“ zwingen sollen. Das Tauschprinzip lässt sich nicht dadurch überwinden, dass es wieder und wieder auf es selbst angewendet wird. Unsere Gefängnisse und elektrischen Stühle fließen über mit Menschen, die für ihre Fehler „bezahlen“. Wir brauchen keine „Gerechtigkeit“ – wir brauchen Güte. „Gerechtigkeit“ ist ein Versuch, ein Verbrechen zu definieren, um es in Zukunft zu vermeiden. Wir versuchen, diese Definition in Form eines Tausches auszuführen, weil der Tausch von der Definition kommt. Das Bezahlen involviert eine aufgezwungene materielle Kommunikation, wobei der Verbrecher dazu gezwungen wird, etwas aufzugeben und auszuweichen. Vielleicht glauben wir, dass wir auf der materiellen Ebene mehr Einfluss auf die Verurteilten haben können, weil wir dort von ihnen Waren, Zeit oder selbst ihr Leben in einem „gleichen Tausch“ verlangen können. In diesem Sinne wird versucht, die Schwere eines Verbrechens mit Bezug auf andere Verbrechen zu bewerten bzw. zu quantifizieren. Die Verbrecher werden aufs Neue maskulisiert, physisch distanziert (dekontextualisiert) und mit einem term oder einem sentence als „Andere“ kategorisiert.

Wir sollten fragen: ”Für welche anderen ist es?” Wir geben Wörtern Qualitäten von Dingen und Dingen Qualitäten von Wörtern. In dem Beispiel der Linguisten: „Mann = erwachsen + männlich“, hat „Mann“ nicht die Qualität des Erwachsenseins oder der Männlichkeit, da „Mann“ ein Wort ist, während ein Mann keines ist. Wir verdunkeln die Beziehung von Dingen zu Wörtern mit der Idee von auf Wörtern basierenden Kategorien, denen Qualitäten geschenkt werden. Wir übertragen damit die Qualitäten von Männern in eine Formel, die auf Addition und Subtraktion beruht, wobei Addition und Subtraktion die quantifizierten Anwendungen von Schenken und Empfangen sind und eine „unfreundliche Bedeutung“ schaffen (an un-kind mean-ing – unübersetzbares englisches Wortspiel: kind = gut, nett, freundlich; mean = böse, gemein, unfreundlich – Anm. d. Übers.): Aktivität ohne Schenken. Wem nützt diese Zuschreibung? Wenn wir das Schenkprinzip restaurieren, dann könnten wir „meaning“ vielleicht „kinding“ nennen.

Ich finde es faszinierend, dass die weibliche Brust in unserer Gesellschaft sowohl abgewertet als auch sexuell objektiviert wird. Bis vor kurzem waren unsere Babyflaschen phallisch – ein weiteres Symptom des Übels der Ersetzung der Mütterlichkeit mit dem Modell des Vaters.

Anm. d. Übers.: Die Doppeldeutigkeit des Englischen kann hier im Deutschen nicht wiedergegeben werden. „Term“ kann sowohl „Begriff“ als auch „Gefängnisstrafe“ (prison term) bedeuten, „sentence“ sowohl „Satz“ als auch (juristisches) „Urteil“.

Viele Beziehungen des Einen und der Vielen

Im Nachdenken über die hier besprochenen Fragen kam ich zu dem Schluss, dass wir es mit drei Arten von Beziehungen zu tun haben: Waren verhalten sich zu Geld (1) wie Dinge zu Wörtern (2) und wie Frauen zu Männern (3). Jede dieser Beziehungen kann anhand der anderen erklärt werden.

Zunächst sind alle nach dem Prinzip des Verhältnisses des Einen zu den Vielen aufgebaut. Waren sind als Viele bezogen auf das Geld als das Eine, das als Äquivalent der Waren funktioniert. Auch deren Preis ist im Verhältnis zu ihnen das Eine. Wenn wir von der Beziehung von Dingen zu Wörtern sprechen, zeigt sich das Verhältnis des Einen zu den Vielen auf mehrere Weisen: die Dinge sind die Vielen im Verhältnis zur Sprache, die nur ein Ding ist; die Dinge sind die Vielen im Verhältnis zu einem einzelnen Wort (zum Beispiel dem Wort „Ding“); und die Dinge (einer Kategorie) sind die Vielen im Verhältnis zu dem Wort, das sie (als Dinge dieser Kategorie) „bedeuten“ oder „repräsentieren“. Frauen wiederum werden als das unterlegene Geschlecht als Viele zu jedem Mann als einem Einen bezogen.

Alle diese Beziehungen beinhalten dabei freilich auch potentielle Beziehungen von Einem zu Einem. Das menschliche Paar ist eine solche Beziehung, ebenso wie die mehr flüchtige Beziehung des Tausches eines Produkts für Geld oder Saussures Vorstellung des Zeichens als einer Einheit von Signikant und Signikat. Variationen und Änderungen der Beziehungen von Einem zu Einem lassen sich in den Beziehungen zwischen Frauen und Männern finden, speziell in der familiären Beziehung zum Vater. Die Mutter selbst stellt zunächst ein Eines dar, auf das sich die Kinder (als Viele) beziehen können, doch wird sie bald ersetzt vom Vater (dem „Kopf“ der Familie). Phänomene wie das Don-Juan-Syndrom oder die Polygamie implizieren freilich wieder Beziehungen nach dem Muster des Einen und der Vielen. Und in der Beziehung des Vaters zu seiner Familie als seinem Eigentum haben wir es gar mit einer klassischen Beziehung zwischen dem Einen und den Vielen zu tun, nämlich mit jener zwischen dem Besitzer und seinem Besitz.

Weitere solche klassischen Beziehungen sind die zwischen dem König und seinen Untertanen, zwischen gewählten RepräsentantInnen und ihren Wahlkreisen, zwischen PräsidentInnen und ihren Nationen, zwischen Bossen und ihren Angestellten. Darüber hinaus gibt es sukzessive Beziehungen von Einen zu Vielen, zum Beispiel wenn sich KatholikInnen zunächst auf ihre Priester beziehen, dann diese auf ihre Bischöfe, dann diese auf ihre Kardinäle, dann diese auf den Papst. Armeen sind auf dieselbe Weisen zunächst auf ihre Offiziere bezogen und schließlich auf ihre Generäle, usw. Überlappungen von Strukturen des Einen und der Vielen schaffen gigantische Mechanismen.

Die gegenwärtigen Strukturen des Patriarchats der Ersten Welt haben dieses herrschaftlicher und tödlicher als je zuvor gemacht. Es ist mit seinen Nuklearwaffen in der Lage, die Vielen auszulöschen – mit seiner phallischen Pilzwolke als Beweis seiner Position des Einen (1).

Die hier beschriebenen Beziehungen von Wörtern zu Dingen, von Geld zu Waren und von Männern zu Frauen bestimmen unser Denken und Handeln seit langem. Die Erklärung dafür scheint für mich zu sein, dass die Tauschökonomie sich auf das individuelle Ego konzentriert und dem Einen als dem abstrakten isolierten Bewusstsein Wert und Wichtigkeit verschafft. Die Bedeutung (und der Gebrauch) des kollektiven Bewusstseins, des Gruppenbewusstseins, des Auf-Andere-Ausgerichtet-Seins und der darin implizierten Schenkerfahrung können damit nicht erkannt werden. Alles, was wir kennen, ist, von uns selbst als isolierten Individuen auszugehen. Und nur denen, die als solche isolierte Individuen erfolgreich sind, wird Glaubwürdigkeit und die Autorität zu sprechen zugeschrieben. Der Fokus auf das Ego kommt von der Maskulisierung, der selbst reflektierten Tauschlogik und dem von oben nach unten gerichteten hierarchischen Modell. Er entspricht dem Kapitalismus, speziell dem Bild des „unabhängigen Produzenten“ oder des „unternehmerischen Helden“. AkademikerInnen sind nicht freier von diesem Syndrom als andere, obwohl sie es vielleicht gerne wären. Das Wettbewerbsprinzip – in der Gestalt bestimmter Formen von Kreativität und Cleverness (deren Belohnungen die Bestätigung des Egos sowie Autorität und Prestige sind) – beeinflusst sie und ihre Weisen, die Welt zu sehen, genauso sehr wie das in anderen Bereichen unserer Gesellschaft der Fall ist. Sprache ist dabei zu einem Machtinstrument geworden, und die, die sie studieren, sind gewöhnlich nicht frei von den egozentrischen Strukturen, auf denen diese Macht aufbaut.

Kinder können an vielen dieser Beziehungen auf verschiedenen Ebenen mitwirken. Die Eigentumsbeziehung sieht in etwa so aus wie Wygotskis Komplexe. Sie ist ein Verhältnis des Einen zu den Vielen, ist dabei aber nicht von der Gleichheit abhängig. Das Kind selbst kann ein/e EigentümerIn sein – auch schon in frühem Alter (etwa von Spielsachen) –, während es gleichzeitig vom Vater der Familie besessen wird. Assoziative Komplexe oder deren Inkarnationen im Eigentum oder in der Familie mögen auch von dem zusammengehalten werden, was Carl Jung in Bezug auf Wortassoziationen und psychologische Komplexe einen „fühlenden Ton“ nennt. Der fühlende Ton von Kategorien wäre dann von der Maskulisierung beeinflusst. Vgl. Carl Jung, „Die psychologische Analyse des Tatbestands“.

Licht und Schatten

Auch wir Frauen können ein selbst fokussiertes Ego schaffen, aber wir bleiben trotzdem zu einem gewissen Grad auf Andere ausgerichtet, weil wir weiter für unsere Kinder sorgen. Außerhalb wie innerhalb des akademischen Apparates neigen unsere Sichtweisen der Welt dazu, breiter zu sein als jene der Männer, im Speziellen wenn wir uns intellektuell nicht dem Patriarchat unterworfen haben. Da wir einen Fuß in beiden Lagern haben, ist es für uns leichter, die Widersprüche des Systems zu sehen. Wir bemerken, dass wir uns halb im Schatten und halb im Licht befinden. Selbst während wir am Wettbewerb der Tauschökonomie teilhaben und darin erfolgreich sind, fühlen wir uns oft noch der Masse von Frauen zugehörig, die unerkannt bleiben.

Unser eigener Platz im Schatten erlaubt es uns auch, die anderen im Schatten zu sehen, die Menschen, Kulturen, Frauen, Kinder und Männer, die vom maskulisierten Ego in den Hintergrund gedrängt wurden. Dazu all die Dinge, Tiere, Lebewesen, Pflanzen, Erfindungen, Kunstgegenstände, Werkzeuge, die wir Jahrhunderte lang gepflegt, verwendet und erhalten haben – all die geputzten Tische, all der gemahlene Mais, all die gesäten Felder, all die gefütterten Pferde, Kühe und Hühner, all der geschaufelte Schnee, all die gelegten Dächer, all die bearbeiteten Fliessbänder, all die gereinigten Abflussrohre, all die getanzten Tänze, all die versorgten Kinder. Mit all diesen Aktivitäten haben wir Dingen Wert verliehen und ihnen das Prinzip des Lebens geschenkt, das andere nun frei nutzen können. Selbst wenn uns unsere Aktivität vieles gekostet hat – menschlich wie ökonomisch – sind ihre Früchte für andere immer frei. Die Prinzipien der Fürsorge kennen nichts anderes. Die Früchte bestehen dabei sowohl aus materiellen Realitäten (die Häuser, in denen wir gelebt und die wir gepflegt haben, bestehen bis heute – die, die verlassen wurden, sind verschwunden) als auch aus Beispielen fürsorglicher Praxis sowie aus unmaskulisierten, Wert schenkenden Herzen und Köpfen.

Das männliche Ego fürchtet den Tod notorisch und liebt gleichzeitig, wovor es sich fürchtet. Indem es seine Sicht von anderen weg richtet, verleugnet es, was es von diesen erhalten hat, ja sogar ihre Existenz und ihre Bedeutung. So wird es für das männliche Ego leicht, sich selbst als die einsame Quelle dessen zu sehen, was ihm in Wirklichkeit von anderen gegeben wurde: von den ihm vorangegangenen Generationen über die ArbeiterInnen in den Fabriken und auf den Feldern bis zu seiner Mutter, seiner Frau, seiner Schwester, seinem Kind und manchmal selbst seinem Bruder. Letzteres geschieht jedoch nicht zu oft, denn das Old Boys Network bzw. der männliche Zusammenhalt im Allgemeinen dienen gewöhnlich nur dazu, den Sinn der Macht und Autonomie des isolierten männlichen Egos weiter zu vergrößern. Männer lernen, das selbst reflektierende männliche Bild zu erkennen und sich gegenseitig wertzuschätzen.

Die Position des Einen wird umso stärker, je mehr es verleugnet, von anderen beschenkt worden zu sein. Das Ego sieht alles unter dem Gesichtspunkt des Nehmens – oder zumindest unter dem, dass es das, was es erhält, auch verdient. (Das „Verdienen“ ist ein weiterer Begriff des Tausches, der auf einer Gleichung zwischen vergangenen Aktionen und gegenwärtigen Belohnungen beruht.) Die Betonung, die wir auf die Monetarisierung der Arbeit im Kapitalismus gelegt haben, hat unsere Aufmerksamkeit auf diesen Bereich reduziert bzw. auf jene Formen menschlicher Beziehungen, die damit zu tun haben, „Geld zu machen“. Nachdem das Ego glaubt, dass seine Wahrnehmungen, seine Welt und seine Fähigkeiten alle von ihm selbst kommen, bleibt ihm sein eigener sozialer Charakter verborgen und es läuft Gefahr, solipsistisch zu werden.

Sich Sprache von dem Blickwinkel des Schenkprinzips aus anzuschauen, ist eine gute Therapie für Solipsismus. Wenn wir jedes Wort als ein Nebenprodukt der linguistischen Prozesse früherer Generationen sehen – Prozesse, anhand derer diese ihre gegenseitigen kommunikativen Bedürfnisse befriedigten und die uns geschenkt wurden – sehen wir uns selbst in Kontakt mit Millionen von schenkenden und kommunizierenden Menschen. Schließlich haben wir unsere Wörter, unsere Kultur und unsere materiellen Güter von diesen erhalten. Der Solipsismus ist weniger eine philosophische Position denn eine psychologische und politische. Er erlaubt Grausamkeit ohne Verantwortung bzw. die Freude an unserem eigenen Wohlergehen im Angesicht des Schmerzes anderer. Unser Mitleid zieht sich zurück und trocknet aus und unsere Seelen werden zu Gefangenen unserer eigenen Egos. Wir erlauben unseren Regierungen, andere Menschen zu töten und sterben zu lassen bzw. ökonomischen und militärischen Genozid zu betreiben, während wir in unserem sicheren Heim sitzen und uns wundern, ob diese anderen Menschen überhaupt wirklich existieren.

Menschen, die davon sprechen, unsere eigenen Wirklichkeiten zu schaffen, sind vielleicht unwissentlich inspiriert von der unendlichen Kreativität und magischen Qualität des Geschenks der Sprache, ohne dass sie dabei jedoch je andere als die Quelle des Geschenks anerkennen würden. Menschen, die religiösen Einstellungen folgen – sowohl progressiven als auch konservativen – neigen oft dazu, sich der Menschheit entziehen zu wollen: anstatt sich unter den Vielen machtlos zu fühlen, wollen sie zur privilegierten Position des (in diesem Falle religiös definierten) Einen gehören. Wenn wir uns aber nur auf Gott beziehen (der selbst oft genug als maskulisiertes Eines und daher als uns isolierten Individuen gleich angesehen wird) und nicht auf die Menschheit und den Planeten, tendieren wir dazu, größenwahnsinnig und paranoid zu werden. Wir verhalten uns dann mitleidlos und ignorieren die Menschen außerhalb unseres unmittelbaren Fokus – obwohl deren Spiritualität genauso groß (oder genauso klein) wie unsere sein sollte. Wenn wir dies ändern wollen, müssen wir uns in einer Form neu schaffen, der zufolge wir verstehen, dass uns von anderen Menschen geschenkt wurde und geschenkt wird, beginnend mit unseren Müttern. Wenn wir das tun, dann sind wir nicht länger abgeschieden und machtlos. Was uns wirklich machtlos macht, ist, uns selbst als maskulisierte Egos zu sehen, die von anderen nichts erhalten außer das, was sie „verdienen“. Dann müssen wir überkompensieren.

Freilich wird der Solipsismus alleine dadurch widerlegt, dass wir in Sprache denken, die wir von anderen erhalten haben. Es gab eine kreationistische Theorie, der zufolge die Dinosaurierknochen von Gott begraben worden seien, um unseren Glauben an die biblische Schöpfungsgeschichte zu testen. Solipsisten müssten in ähnlicher Weise behaupten, eine Gottheit hätte Sprache in unseren Gehirnen implantiert, um zu suggerieren, dass es tatsächlich andere Menschen gäbe. Unsere Erde ist so komplex und verschiedenartig, dass wir nie als Individuen alleine auf ihr leben könnten. Wir brauchen die gemeinsame Wahrnehmung der Vielen, um unseren individuellen Leben eine Art realen Kontext geben zu können. Die Gemeinschaft ist wie das Auge einer Fliege, das, indem es seine vielen Facetten zu einem Kollektiv zusammenfügt, das ganze Bild sehen kann. Die Wahrnehmung und Vermittlung dieses Bildes wird von der Sprache ermöglicht. Die Vermittlung stellt dabei eine Art enormes kollektives Trommelfell dar, das immer dann vibriert, wenn wir auf etwas stoßen, dem eine bestimmte Wichtigkeit oder Intensität jenseits individueller Grenzen zukommt. In kollektiven Prozessen werden die kulturellen Werte der Dinge so in Wörtern gelagert und als Geschenke für alle am Leben erhalten und verwendet.

Das patriarchale Ego schaut nur auf jene Dinge, die in seinem unmittelbaren Fokus liegen. Auf diese scheint sein Licht. Menschen, vor allem in der so genannten Ersten Welt, leben mit der Einstellung, dass wir den Fluss der Waren, des Geldes und des Wertes von der so genannten Dritten Welt (im eigenen Lande und außerhalb dessen) zu uns ignorieren können. Wenn das CIA nicht direkt Dritte-Welt-Regierungen destabilisiert oder die USA faschistische Tyrannen finanziert, dann übernimmt das Patriarchat der „Ersten Welt“ ökonomische Kontrolle. Während unsere Medien sich auf uns selbst konzentrieren, wenden unsere Regierungen unser Geld an, um mit ihrem Einfluss und ihren Waffen das Leben jener im Schatten zu zerstören. Big Business siedelt sich in der Dritten Welt an und verursacht wirtschaftliches und ökologisches Desaster, während manche von uns zuhause die Profite abschöpfen und andere ihre Jobs verlieren. Wenn diese Geschäfte nicht mehr verheimlicht werden können, wird alles mit Lügen zugedeckt und das, was passiert, als „Entwicklung“ (re)definiert. Um den Anschein zu wahren, Hilfe zu leisten, wird plötzlich auf heuchlerische Weise das Schenkprinzip bemüht, um das zerstörerische Tauschprinzip zu verschleiern und die Ausbeutung, die real geschieht, zu verleugnen. Das Schenkprinzip wird dabei als etwas anderes dargestellt als es ist und mit jenen Männern identifiziert, die am weitesten von ihm entfernt sind – speziell in der Regierung und im Big Business. Diese Männer haben praktisch nie jemanden individuell versorgt und haben immer nur innerhalb des Tauschmechanismus operiert.

Die Bedürfnisse unserer „Ersten Welt“ werden für keine oder eine nur sehr geringe Kost von den Menschen der „Dritten Welt“ befriedigt. Die ökonomischen Differenzen erlauben den Geschäftemachern, das meiste dessen, was im Tauschhandel bezahlt wird, selbst einzustecken und in ihre Banken zu transferieren, um den Wert ein weiteres Mal von den have-nots zu den haves zu verschieben: vom Schatten ins Licht, vom Unsichtbaren ins Sichtbare. Wie von einer Schleuse wird der Fluss des Wertes zunächst blockiert und dann auf eine höhere Ebene transferiert. Die Ökonomien der Ersten Welt haben Enormes von den Ökonomien der Dritten Welt erhalten. Individuell mag es schwierig sein, dies zu sehen, und wir mögen das Erhaltene nicht direkt fühlen. Doch der Wert, die bei uns zirkuliert, kommt von einem ungleichen Tausch, der in der Praxis einem freien Geschenk von der Dritten Welt an unsere Erste gleichkommt.

Unsere kurzsichtige Profitgier, die der Denkweise des privilegierten Egos entspricht, lässt die Menschen im Schatten (jene der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft) in Armut, Verwüstung und Krieg leben. Es sind die Menschen im Schatten, die für das, was im „Licht“ liegt, nämlich unser eigenes Wohlbefinden, bezahlen. Das diesen Realitäten zugrunde liegende Problem ist nicht moralische Verwahrlosung oder ein pathologischer Hang zur Gier, sondern eine Weltsicht, eine Egostruktur und eine Ökonomie, die als normal gelten, zusammenpassen und miteinander funktionieren – zu unser aller Schaden. Ich denke, dass wir uns individuell dessen, was hier passiert, wirklich nicht bewusst sind. Ich denke, dass wir sonst aufhören würden, so zu handeln, wie wir handeln, bzw. dass wir uns gegenseitig dazu bringen würden aufzuhören. Doch unser Bewusstsein befindet sich in einer kollektiven Verleugnung, und das macht es schwierig, zu einem individuellen Bewusstsein zu gelangen. Desto dringender brauchen wir einen Prinzipienwechsel.

Die Anforderung, den Platz anderer einzunehmen und – indem wir besitzen und dominieren – das Eine zu sein, wird auf jeder Ebene unserer Gesellschaft gestellt. Die Armut, die artifiziell von den herrschenden Mächten geschaffen wird, um das Tauschsystem aufrechtzuerhalten, verschärft zunehmend die Strafen dafür, innerhalb dieser Anforderung nicht erfolgreich zu sein. Wir verstehen nicht, dass es logisch unmöglich ist, dass alle ein Eines sind und dass es für viele Männer jenseits der Maskulisierung selbst keinen Erfolg im Leben geben kann. Erfolgversprechende Arbeit, Ausbildung und Unterhaltung werden beinahe ausschließlich ökonomischen haves angeboten. Für viele andere sind Gangs und kriminelles Verhalten die einzigen Möglichkeiten, ihre Anforderungen der Maskulisierung zu erfüllen. (Obwohl für Männer auch Gewalt gegen Frauen immer eine Option bleibt, sich selbst als dominantes Eines zu bestätigen.) Während wir uns gegen all diese Aktivitäten als „falsche“ wenden müssen, kann davon alleine nicht die Lösung des Problems kommen. Diese kann nur auf einer neuen Sichtweise der Welt und einer neuen Definition unserer Gesellschaft beruhen.

Wir haben das grundlegende Prinzip unseres Lebens zu ändern und alle die Werte der Fürsorge zu lehren. Unsere Buben dürfen nicht maskulisiert und in eine Egostruktur gezwungen werden, die sie dazu führt zu glauben, sie könnten nur in Form von Privileg und Herrschaft die Anforderungen ihrer Geschlechtsidentität erfüllen. Wir müssen das mütterliche Modell für alle restaurieren und auch unsere Buben müssen lernen, Schenkende zu sein – und zwar von Anfang an. Denn wenn sie die Mutter einmal aufgeben und gelernt haben, nicht fürsorglich zu sein, wie sollen sie es da später werden können? Wie sollen sie „gut“ werden können, wenn es für sie nichts anderes mehr gibt als die Regeln der Verhaltenssyntax, die auf der Geschlechtskategorisierung basiert? Wie sollen sie „gut“ werden, wenn sie nur noch dem Gesetz des Vaters folgen?


Anm. d. Übers.: Ein Begriff, der ursprünglich in Zusammenhang mit Männerbunden verwendet wurde, die exklusiven britischen Bubenschulen entstammten, bezeichnet das Old Boys Network heute im Englischen allgemein Netzwerke, in denen Männer sich gegenseitig in ihren sozialen, politischen und ökonomischen Machtpositionen stützen.

Obwohl die meisten von uns eine effektive linguistische Kompetenz erreichen, werden ökonomisch benachteiligten Menschen nach wie vor viele der damit verbundenen Geschenke aufgrund mangelnden Zugangs zu Ausbildungsmöglichkeiten und vielfältiger kultureller Erfahrung vorenthalten.

 

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