Home

Theory
of The Gift Economy


Intro

Kapitel 1
Am Anfang

Kapitel 2
Sprache und Denken

Kapitel 3
Reziprozität

Kapitel 4
Definition und Tausch

Kapitel 5
Die Kategorie des Menschen

Kapitel 6
Marksistische“ Kategorien

Kapitel 7
Die kollektive Quelle

Kapitel 8
Kastrationsneid

Kapitel 9
Is = $

Kapitel 10
Wert

Kapitel 11
Der Übergang zum Tausch

Kapitel 12
Wie dem Tausch Wert geschenkt wird

Kapitel 13
Markt und Geschlecht

Kapitel 14
Zu existieren verdienen

Kapitel 15
Das Zeigen und das Patriarchat

Kapitel 16
Das Zeigen des Egos

Kapitel 17
Was repräsentiert die Demokratie?

Kapitel 18
Die nicht-maskulisierten Protagonistinnen gesellschaftlichen Wandels

Kapitel 19
Traum und Realität

Kapitel 20
Schenken und Liebe

Kapitel 21
Vom Garten zum Gral

Kapitel 22
Kosmologische Spekulationen

Kapitel 23
Nach den Wörtern – die Theorie in der Praxis

Bibliography



Contact Us

 

Definition und Tausch

Benennen und seine kompliziertere Form: Definieren, konstituieren besondere Momente der Sprache, in denen Wörter geschenkt werden, um meta-linguistische Bedürfnisse (Bedürfnisse, die die Sprache selbst betreffen) zu befriedigen. Wenn wir anderen Menschen Namen von Dingen mitteilen, oder ihnen Definitionen von Wörtern geben, dann statten wir sie gewissermaßen mit den Produktionsmitteln linguistischer Kommunikation aus. Dies spielt sich auf einer anderen Ebene als das gewöhnliche Sprechen ab, da Benennen und Definieren auf einer (zumindest teilweisen) Dekontextualisierung beruhen und ihren eigenen internen Prozessen folgen. Absicht ist, Menschen etwas zu schenken, das sie noch nicht haben: einen neuen Begriff, der ein allgemeines kommunikatives Bedürfnis befriedigt.

Das Bedürfnis, das vom Sprechen selbst befriedigt wird, ist das Bedürfnis nach einer momentanen und kontingenten Beziehung zu etwas. Dieses Bedürfnis wird befriedigt, wenn die Sprechenden den Zuhörenden ein verbales Produkt schenken, das Wörter (die, einzeln genommen, eine konstante Beziehung zu etwas konstituieren würden) in Sätzen vereint. Die Zuhörenden könnten diese Sätze im Prinzip selbst formen (sie haben die sprachlichen Mittel dazu), nur haben sie in diesem Fall noch nicht die Notwendigkeit erkannt, dies zu tun. Im Falle des Benennens oder der Definition wird den Zuhörenden im Gegensatz dazu in der Form neuer Wörter etwas gegeben, das sie noch nicht haben und noch nicht anwenden können. Ihr Bedürfnis gleicht dabei einem materiellen Bedürfnis nach Produktionsmitteln – nur dass es sich in diesem Fall um Produktionsmittel für verbale Geschenke handelt.

In den Prozessen des Benennens und Definierens leisten die Sprechenden den Zuhörenden einen Dienst. Sie müssen verstehen, welches sprachliches Ausdrucksmittel es ist, das den Zuhörenden fehlt, um ihnen ein passendes Wort zur Verfügung stellen zu können, und zwar auf eine Weise, auf die diese es auch gebrauchen können. Wenn wir einem Kind etwas erklären (oder einer Person, die sich eine fremde Sprache lehrt), dann können wir ein Wort direkt mit dem von ihm bezeichneten Objekt (als einer empirischen Gegebenheit) in Beziehung setzen. Wir können auf es zeigen, es aufheben, der anderen Person hinhalten, und so weiter. Wenn wir aber denken, dass die Zuhörenden bereits ein Wissen vom Vokabular der Sprache, die wir benutzen, haben, dann können wir stattdessen einen definierenden Satz formen, indem wir Begriffe verwenden, von denen wir glauben, dass die Zuhörenden sie verstehen.

Um das zu tun, müssen wir uns in die Position der anderen Person versetzen und deren Wissen abschätzen, deren Vokabular und Lebenserfahrung. Definieren verlangt das Ausgerichtet-Sein auf Andere. Bevor die Sprechenden etwas sagen können, müssen sie den Zuhörenden zuvor selbst zugehört haben; sie müssen wissen, welche Wörter diese bereits kennen. Auch wenn sie etwas für die allgemeine Öffentlichkeit definieren, müssen die Sprechenden (oder Schreibenden) Begriffe verwenden, von denen sie glauben, dass sie erkannt (verstanden) werden. Wenn eine geschriebene Definition nicht klar ist, müssen die Lesenden das weitere notwendige linguistische Wissen von einer anderen Quelle beziehen – z.B. von einem Wörterbuch. Doch selbst diese unpersönlich erscheinenden Wörterbuch-Definitionen verlangen, dass die, die sie verfassen, Wörter verwenden, die den Lesenden bekannt sind. Definitionen stehen nicht für sich selbst, wie Philosophen (von Gleichung und Tausch beeinflusst) zu glauben scheinen. Definitionen sind Wortgeschenke von einer Person an eine (oder mehrere) andere.

Das Definiens ist jener Teil der Definition, der als provisorisches Ersatzgeschenk für die definierte Sache fungiert. Es verdeutlicht die allgemeine soziale Relation der Sache zu ihrem Namen. Der Name ist das soziale Geschenk (das Wort), das das generelle kommunikative Bedürfnis befriedigt, das diese Sache betrifft. Die Sprechenden machen den Zuhörenden ein provisorisches Geschenk zugänglich. „Haariges, freundliches Lebewesen, das Tante Marias Haustier gleicht“ und „domestizierte Kleinkatze“ sind beide provisorische Geschenke, die Zuhörenden geschenkt werden können, um das Wort „Hauskatze“ zu definieren. Welche Variante wir wählen (von diesen beiden oder zahlreichen anderen möglichen), hängt vom Vokabular, der Erfahrung und dem kommunikativen Bedürfnis der Zuhörenden ab. Das Definiendum ist das dauerhafte soziale kommunikative Ersatzgeschenk für die Sache und eine beliebige Anzahl von Definiens. Kurz gesagt, das Definiendum ist das der Name einer Sache. (Siehe Grafik 3.)

Was das Definiens die Sache betreffend getan hat, kann das Definiendum auch tun – und mehr. In unseren Beispielen wählt „haariges, freundliches Lebewesen, das Tante Marias Haustier gleicht“ eine Beispielkatze, um „Hauskatze“ zu definieren, während „domestizierte Kleinkatze“ das Tier in einer Klassifizierungsordnung verortet, die ein komplexes System aufeinander bezogener Definiens und Definienda braucht, um der Definition Sinn zu geben. Das Definiendum „Hauskatze“ ist allgemeiner als jedes Definiens (jede definierende Phrase) und nimmt den Platz aller Definiens ein – es ist der Name für eine Sache, den alle teilen, die dieselbe Sprache sprechen.

Wenn im Zuge des Ersetzens des Definiendums mit einem Definiens – also im Zuge des Definitionsprozesses – ein Name zur Verfügung gestellt wird, reichen die Sprechenden den Namen auch als Geschenk weiter. Schließlich war er ihnen von anderen zuvor selbst geschenkt worden. Dieser Prozess des Schenkens, Empfangens und Weiterschenkens schafft menschliche Subjektivitäten in Beziehung zur Sprache, zu anderen Menschen und zu einer immensen Vielfalt an qualitativ unterschiedlichen Dingen, Ereignissen und Ideen. In dieser linguistisch vermittelten Beziehung finden wir Menschen uns als selbst konstituierende Spezies in der Lage, uns miteinander zu verbinden – auf beinahe so viele verschiedene Weisen, wie es Erfahrungen gibt. Wir verwenden also Schenkprozesse und verbale Geschenke, um uns miteinander zu verbinden, auch auf einer neu geschaffenen Ebene, auf der Erfahrungen verarbeitet werden: einer Ebene von Themen, die linguistisch geteilt werden können.

Die Definition kann als ein Paket gesehen werden, das mehrere Geschenke auf verschiedener Ordnungen beinhaltet. Indem sie ein Definiens schaffen (in der Form des Verbindens von Wörtern, die die Zuhörenden bereits kennen), leisten die Sprechenden den Zuhörenden einen Dienst. Sie beziehen etwas in der Welt über ein Definiens auf ein Definiendum und geben den Zuhörenden damit ein neues Wort. Die Objekte – zum Beispiel Hauskatzen – können jetzt dem Moment eines kommunikativen Geschenks weichen, da es nunmehr verbale Ersatzgeschenke (Definiens) für sie gibt – zum Beispiel „domestizierte Kleinkatze“. Daraufhin weichen die Definiens (bzw. die Kombination der Wörter, die sie konstituieren) dem Definiendum (in diesem Fall „Hauskatze“) aus und dieses nimmt ihren Platz ein. Sowohl eine empirisch gegebene Hauskatze wie ein entsprechendes Definiens weichen also dem Definiendum „Hauskatze“ als jenem verbalen Geschenk aus, das im Rahmen einer bestimmten Gemeinschaft (in unserem Fall: der deutschsprachigen) gewöhnlich verwendet wird, um über Hauskatzen zu kommunizieren.

Das Wort „Hauskatze“ wird von Menschen am häufigsten verwendet, wenn sie über Hauskatzen sprechen und es ist daher allgemeiner als die Definiens „domestizierte Kleinkatze“ oder „haariges, freundliches Lebewesen, das Tante Marias Haustier gleicht“ oder „haariges, freundliches Lebewesen mit langem Schwanz“. Definiens können jedoch verwendet werden, wenn ein kontingentes kommunikatives Bedürfnis verlangt, über Hauskatzen auf diese Weise – auf dieser Ebene von Spezifität – zu sprechen.

Alle Sprachgeschenke sind aneinander gebunden durch die meta-linguistischen kommunikativen Bedürfnisse der Zuhörenden und die bedürfnisbefriedigenden Dienste der Sprechenden. Die Sprechenden behalten ihr lexikalisches Sprachwissen nicht für sich selbst (auch wenn manche elitären Gruppen eine Ausnahme bilden), sondern sie schenken es den Zuhörenden und machen es sich zur Aufgabe, Definiens zu schaffen und zur Verfügung zu stellen, die die Zuhörenden verstehen können.

Obwohl sie ein Paket an Geschenken ist, repräsentiert die Definition den Schenkprozess nicht auf die gleiche Weise, wie es der transitive Satz tut, der sich nach dem Muster „Schenkende-Geschenk-Beschenkte“ bildet. Die Definition funktioniert anstelle dessen durch eine interne und externe Ersetzung. Sowohl ein nonverbales Gegebenes (Objekt) als auch ein sprachlicher Ausdruck (Definiens) weichen einem allgemeinen Wort: dem Namen, der nunmehr den Platz des Objekts und Definiens als ein dauerhaftes kommunikatives bedürfnisbefriedigendes Ersatzgeschenk einnimmt.

Das in der Definition enthaltende Verb „zu sein“ ist der Ersatz für die von Definiens und Definiendum vorgenommene Ersetzung. Sowohl Definiens als auch Definiendum weichen ihm in der Definition aus. Dies zeigt, dass Definiens und Definiendum in der Definition zueinander finden und von demselben Wort ersetzt werden können, das damit dem gesamten Definitionsprozess einen ewig gegenwärtigen Charakter verleiht. (Siehe Grafik 4.)

Die Beziehung von Wörtern zu Wörtern und von Dingen zu Wörtern in: „das Mädchen warf den Ball“, ist verschieden von der Beziehung von Wörtern zu Wörtern und von Dingen zu Wörtern in: „ein Ball ist ein runder Gegenstand, der für Spiele verwendet wird“. Im ersten Fall ist einerseits der gesamte Satz ein Geschenk, andererseits stellt innerhalb des Satzes das Prädikat ein Geschenk dar, das dem Objekt vom Subjekt gegeben wird. Die Geschenke sind unmittelbar. In der Definition hingegen wird Personen ein Wort geschenkt, indem es durch andere Wörter ersetzt wird. Es bedarf hier Ersatzgeschenken: Wörter, die die Zuhörenden kennen, ersetzen eines, das sie noch nicht kennen. Zum Beispiel kann „ein runder Gegenstand, der für Spiele verwendet wird“ das Wort „Ball“ ersetzen. Die Sprechenden sind dann die schenkenden Subjekte, die Definiens und Definiendum den Zuhörenden geben, die ihrerseits das Definiendum als permanente Bereicherung erfahren. Nachdem ein Objekt also einem Definiens gewichen ist, weicht dieses nun dem Definiendum, das damit zum Namen des Objekts wird.

Die Zuhörenden haben unmittelbare meta-linguistische Bedürfnisse nach Wörtern, die sie nicht kennen. Die Erinnerung und das Verstehen des oben beschriebenen phonetischen Musters der Definition konstituieren die Produktionsmittel, anhand derer andere (die in diesem Fall Sprechenden) diese Bedürfnisse befriedigen können. Geschieht dies, verbinden sich Sprechende und Zuhörende miteinander in Bezug auf ein Objekt ihrer (unserer) gemeinsamen Welt.


Ferdinand de Saussure unterschied in den Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft zwischen dem, was er langue nannte: der Sprache als Wortschatz, als Sammlung rein differentiell aufeinander bezogener Wörter ohne Kontext, und der parole: dem Sprechen. Benennen und Definieren mögen in diesem Sinne als Voraussetzungen des Sprechens erscheinen (obwohl wir Wörter auch einfach davon lernen können, anderen beim Sprechen zuzuhören). Ich will damit sagen, dass die Prozesse, durch die wir uns Wörter aneignen und sie an und für sich selbst betrachten, verschieden sind von den Prozessen, in denen wir sie im Kontext des Sprechens anwenden (wenn wir sie mit anderen Wörtern verbinden). Ich glaube, dass sich die internen Schenkprozesse des Definierens vom Sprechen selbst stark unterscheiden. Tatsächlich sind sie das versteckte Modell des Tausches. Sie sind, was Roman Jakobson „gleichsetzende Aussagen“ (equational statements) genannt hat. (Siehe: „The Speech Event and the Function of Language“, in: On Language.)

Ich werde den Begriff Definiens als Namen für die Phrase verwenden, die den Zuhörenden erlaubt, das zu identifizieren, was das neue Wort repräsentiert, und Definiendum für das neue Wort selbst (das, das definiert wird) bzw. für den Namen. In: „Eine Hauskatze ist ein Haustier mit einem langen Schwanz und spitzen Ohren“ ist „Hauskatze“ das Definiendum und „ein Haustier mit einem langen Schwanz und spitzen Ohren“ das Definiens.

Siehe Kapitel 9 für eine nähere Diskussion des Verbs „sein“.

Der Ursprung des Tausches

Ich glaube, dass der Tausch sich aus den Prozessen des Ersetzens und Ausweichens im Benennen und Definieren entwickelt hat. Im Tausch werden diese Prozesse jedoch in nonverbale Muster übersetzt. Dabei werden sie entstellt, um den Bedürfnissen des Privateigentums nach gegenseitiger Ausgrenzung zu entsprechen. Statistiken zeigen, dass ausgesprochen wenig Privateigentum – weltweit vielleicht ein Prozent – von Frauen besessen wird, obwohl diese sehr wohl in der Lage sind, zu benennen und zu definieren. Darüber hinaus ist Privateigentum eine Institution so genannter „entwickelter“ Gesellschaften, nicht so genannter „primitiver“ – doch Benennungs- und Definitionsprozesse kennen auch letztere. Eine auf dem Schenkprinzip basierende Sprache gibt es also vor dem Tausch und dessen Eigentumsbeziehungen. Während grundlegende Prozesse der Sprache (namentlich jene des Benennens und Definierens, die wesentlich auf Prinzipien des Ersetzens und Ausweichens beruhen) auf die materielle Ebene transferiert wurden, wurden sie – wie oben erwähnt – entscheidend verändert. Dies wird besonders deutlich im monetären Tausch, in dem das Geld die Rolle des Wortes als Ersatzgeschenk auf einer anderen Ebene reproduziert. Die Institution des Privateigentums beruht dabei freilich weiterhin auf dem Schenkprinzip, auch wenn dies verleugnet wird – doch ohne dieses würde es keine freie Befriedigung der Bedürfnisse der EigentümerInnen geben, auf denen ihr Besitz beruht.

Die Verwendung der linguistischen Prozesse des Benennens und Definierens, um das Tauschprinzip zu errichten und das ihnen eigentlich zugrunde liegende Schenkprinzip zu verleugnen, widerspricht dem grundlegenden Prinzip des Schenkens-und-Empfangens als des Prinzips des Lebens und der Sprache. Darüber hinaus werden frauenfeindliche und zerstörerische gesellschaftliche Strukturen geschaffen und von uns verlangt, dass wir uns an diese anpassen. Wir haben dies so gut getan, dass diese Strukturen mittlerweile als „natürlich“ erscheint und die Arten aggressiven und konkurrenzorientierten Verhaltens, die in ihnen zum Überleben notwendig sind, als „menschliche Natur“ (was sich angeblich „historisch“ gezeigt hat).

Die Existenz derselben Prozesse auf verbalen und nonverbalen Ebenen schaffen viele Rückkopplungen. In unserer gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft zum Beispiel gibt es einen Rückkopplungseffekt zwischen verbalen Definitionen und nonverbalem Tausch, in dem erstere letztere legitimieren und letztere die Funktion ersterer übernehmen. Eine Person oder ein Produkt wird definiert von der Menge an Geld, das er/sie/es „wert“ ist. Namen, Kategorisierungen, Berufsbezeichnungen – von Polizistin bis Doktor – haben monetären Wert.

Menschen über Lohn zu kontrollieren – was einer monetären Definition von Menschen gleichkommt – heißt, Benennungs- und Definitionsprozesse in den Dienst der Kontrolle anderer zu stellen. Produktnamen und Markennamen legitimieren höhere Preise. Die „Bedeutung“ unseres Lebens hängt von ebensolchen definitorischen Prozessen ab. Wenn wir einen professionellen Rang haben, einen akademischen Titel, einen Ehenamen, dann „sind wir wer“. Doch dieses Definieren hat nichts mehr mit dem Schenken zu tun, dem unsere Sprache und unser Leben wirkliche Bedeutung verdankt.

Der Definition die Geschenke zurückgeben

Der Tausch lässt das Definieren steril erscheinen. Es wird zu einer intellektuelle Gleichung. Der Charakter des „Pakets von Geschenken“ ist verloren gegangen. Dabei beinhaltet das Definieren noch mehr Geschenksaspekte, als die, die wir bereits besprochen haben. Wir müssen etwa bedenken, dass das Definieren manchmal auch dazu dient, Wörter von einer Generationen zur nächsten oder von einer linguistischen Gruppe zu einer anderen weiterzureichen. Indem sie eine gemeinsame Sprache finden bzw. sowohl im Sprechen als auch im Definieren Wörter verwenden, die andere bereits kennen, wird es den Sprechenden und Schreibenden möglich, mit Menschen zu kommunizieren, die zeitlich und räumlich woanders sind. Es muss ihnen dabei gelingen, die Begriffe, die andere bereits haben, zu identifizieren, anzuwenden und/oder auf ihnen aufzubauen – während die anderen selbst die Anstrengung unternommen haben, sich diese Wörter bzw. ein Wissen über eine bestimmte Disziplin oder einen bestimmten Lebensbereich anzueignen (was manchmal einer eigenen spezialisierten Sprache bedarf).

Da das Bedürfnis für die Definition von Begriffen ein allgemeines ist, weil niemand von uns mit einem Wissen um diese geboren wird, sind Abhandlungen und Bücher voll von Definitionen. Auch die Erforschung der „Natur der Dinge“ folgt Definitionen. Wenn eine Definition gut gelingt, kann sie unabhängig von dem/der Definierenden weiter bestehen. Wörterbücher dienen der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung, die Definitionen leisten können.

Die Möglichkeit, diese Bedürfnisse unabhängig von den ursprünglichen Definierenden zu befriedigen, lässt es so erscheinen, als wären der menschliche Ursprung der Definition bzw. die Beziehung zwischen Schenkenden und Beschenkten unwichtig. Auf der einen Seite mag durchaus zugestanden werden, dass wir unsere verbalen Produktionsmittel von der Gemeinschaft erhalten, und dies uns erlaubt, mithilfe der Sprache menschliche Bindungen einzugehen – auf der anderen Seite wird dabei der bedingungslose und großzügige, unmittelbar zwischenmenschliche Dienst leicht vergessen, der dem Definieren ursprünglich zugrunde liegt.


Anm. d. Übers.: Diese sprachkritische Referenz kann im Deutschen nicht reproduziert werden. Das englische Wort für Geschichte: history, beinhaltet das männliche Pronomen his. Also history als his story (anstelle von her story).

Äquivalenz und Gleichung

Wenn der Dienst- oder Schenkaspekt der Sprache ignoriert wird, tendieren wir dazu, das Ersetzen von Wörtern durch andere als den wesentlichen Teil des Definitionsprozesses zu begreifen und nicht die Bedürfnisbefriedigung. Eine Art Fetischisierung entsteht, in der etwas Bedeutung erhält aufgrund bestimmter Beziehungen, die Wörter zueinander eingenommen haben und nicht Menschen, die diese Wörter gebrauchen, um auf konkrete Dinge zu verweisen, über die sich Beziehungen zu anderen Menschen herstellen. Seit Philosophen Definitionen verwendet haben, um uns über alles – von der Menschheit über Gott zum Sein – zu unterrichten, analysieren wir Definitionen, um die Beziehungen von Wörtern zur Welt zu erforschen. Dabei sehen wir jedoch nur Wörter, die in geschlossenen Systemen den Platz anderer Wörter einnehmen. Wir verstehen Fürsorge nicht als Kommunikation, und wir verstehen linguistische Kommunikation nicht als ein soziales Bedürfnis, das notwendigerweise von der Welt und von anderen Menschen kommt und dessen Befriedigung den Zweck verbaler und nonverbaler Interaktion zwischen Individuen hat.

Aufgrund der magnetischen Schablone der Tauschlogik sehen wir die Bedürfnisse anderer nur funktionell in Bezug auf unsere eigenen Bedürfnisse. Ihr Bedürfnis muss für uns „effektiv“ sein: sie müssen genug Geld haben, um unser Produkt zur Befriedigung kommunikativer Bedürfnisse monetär ersetzen zu können. Wir sehen nicht den Dienst-Aspekt der Definition, sondern nur ihre so genannte „Wahrheitsfunktion“: uns interessiert nur, ob ihre „Intension“ (ihre Bedeutung) mit ihrer „Extension“ (dem Vorkommen dieser Sachen in der Welt) korrespondiert. „Ein Junggeselle ist ein unverheirateter Mann“ wird dabei oft als Beispiel verwendet, da hier das Definiens völlig mit dem Definiendum zu korrespondieren scheint. Jeder Mann, der ein Junggeselle ist, ist auch unverheiratet. Definitionen dieser Art sind jedoch Geschenke, die nur das meta-linguistische Bedürfnis nach philosophischen Beispielen für Definitionen befriedigen. Der meta-linguistische Schenkaspekt des Definierens wird hier tatsächlich sekundär. Das Auf-Andere-Ausgerichtet-Sein ist irrelevant für die Äquivalenz von Intension und Extension. Es wird daher ignoriert, während die Definition stark erscheint, unberührt von menschlichen Komplikationen. Dieses Bild beginnt aber bereits dann zu wackeln, wenn die Zuhörende eine unverheiratete Frau ist. Warum ist sie, die Zuhörerin, nicht auch ein „Junggeselle“? Warum werden ihre materiellen und kommunikativen Bedürfnisse in der Definition nicht berücksichtigt? Warum wird ein unsensibler männlicher Definierer vorausgesetzt?

Unser Bild der Sprache wird von den Prioritäten des Tausches bestimmt, von der Notwendigkeit, Güter zu identifizieren und zu messen, sowie von dem sterilen und objektiven Wertvergleich, der für die Befriedigung beider Tauschparteien (oder der Gesellschaft insgesamt) notwendig erscheint. Die Korrespondenzen, die Verkauf und Einkauf prägen, werden zum Modell für die Korrespondenz zwischen Sprache (Preis) und Realität (Güter). Das Auf-Andere-Ausgerichtet-Sein als Selbstzweck wird sowohl im Tausch als auch in unserem Studium der Sprache ignoriert.

Nachdem Definitionen entstehen, indem Wörter durch andere Wörter ersetzt werden, scheint die Beziehung von Wörtern zur Welt von der Form unserer Definitionen abhängig. Diese Definitionen sehen im Rahmen des Tauschprinzips im Ersetzen einen Selbstzweck und ignorieren jede kreative Aktivität des Schenkens, Empfangens oder Ausweichens. Die Beziehung der Wörter zur Welt scheint von einer Gleichung (x = y) zu kommen, von den Wörtern selbst, oder vom Willen der Menschen, die sie aussprechen. Wenn wir uns aber auf das Ersetzen alleine konzentrieren, ohne dabei an das Schenken zu denken, ist es schwierig, wirklich von der Sprache zur Welt zurückzukehren. Bald erscheint es nur noch so, als wäre der Sinn eines Zeichens ein anderes Zeichen und so weiter, in einem unendlichen (wenn auch systematischen) Regress, der in uns eine Vorstellung prägt, der zufolge Wörter in keiner Weise auf die Welt bezogen sind.

Schenken auf zwei Ebenen

Es scheint so, als ist Re-präsent-ation ein Prozess ohne vorhergehende Präsentation. Repräsentation als „Platz-Einnehmen“ ist nur ein Moment des Schenkprozesses, der sowohl verbal als auch nonverbal ist. Wohl können wir ein Geschenk mit einem anderen ersetzen, aber der gesamte Prozess (von der Identifikation des Bedürfnisses zur Gestaltung des Geschenks – in diesem Fall eines Wortes oder Satzes) besteht aus viel mehr als einfachen Ersetzungen. Der Schenkprozess erfordert das Auf-Andere-Ausgerichtet-Sein sowie die Fähigkeit, die Bedürfnisse anderer zu erkennen und zu begreifen. Dies ist notwendig, um sie befriedigen zu können. Der Schenkprozess erfordert, sich selbst als jemanden zu begreifen, der die Bedürfnisse anderer befriedigen kann und nach entsprechenden bedürfnisbefriedigenden Mitteln sucht; er erfordert die Motivation, kommunikative Bedürfnisse zu befriedigen, auch wenn wir vielleicht keine materiellen befriedigen können; und schließlich erfordert der Schenkprozess auch, anzuerkennen, dass es anderer bedarf, um unsere eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können. Eine patriarchale Perspektive auf die Welt sieht nur Dinge, um die wir uns streiten müssen – nie solche, deren Wert sich daraus bezieht, dass sie zur Befriedigung der Bedürfnisse anderer angewandt werden können.

Das Auf-Andere-Ausgerichtet-Sein ist wichtig, um Wörter anwenden zu können, die andere verstehen, und um uns in deren Position zu versetzen, um das, was sie nicht wissen, als Bedürfnis zu begreifen, das wir befriedigen können. Jedes Bedürfnis ist ein Thema mit vielen Variationen. Das allgemeine Bedürfnis, über Hauskatzen zu kommunizieren (bzw. menschliche Beziehungen über einen Bezug auf Hauskatzen herzustellen), umfasst alle Möglichkeiten, auf die Hauskatzen für Menschen von Bedeutung sein können. Individuell erkennen wir diese Möglichkeiten als Bedürfnisse, die sowohl von nonverbalen wie von verbalen Kontexten kommen und unsere Beziehung zu anderen mit Bezug auf Hauskatzen bestimmen. Das Wort „Hauskatze“ wurde uns dabei gemeinschaftlich als Mittel gegeben, einige dieser kommunikativen Bedürfnisse zu befriedigen (zumindest zum Teil).

Um in der Gegenwart schenken zu können, müssen wir in der Vergangenheit selbst beschenkt worden sein. Das heißt, uns muss das Auf-Andere-Ausgerichtet-Sein anderer zugute gekommen sein. Nun ist es an uns, neue Geschenke zu bilden – wie matchmaker müssen wir Wörter in Positionen rücken, in denen sie andere Wörter beschenken können. Außerdem müssen wir nach verbalen wie nach nonverbalen Verbindungen mit anderen streben, um sowohl unsere eigenen als auch deren soziale Subjektivitäten zu entwickeln. Das Schenken ist nicht nur der Inhalt für die Ersetzungsform, sondern der eigentliche Grund ihrer Existenz. Daraus zieht es seine Bedeutung als (mütterliche) Matrix.

Schenken und Ausweichen sind nicht als wirklich menschliche Verhaltensweisen verstanden worden. Im Patriarchat werden Gewinnen, Beherrschen und Platz-Einnehmen hochgehalten. Das Ausweichen ist jedoch eine notwendige Begleitung des Platz-Einnehmens. Ersetzt zu werden ist eine aktive und notwendige relationale Begleiterscheinung des Ersetzens. Auf ähnliche Weise ist das Empfangen die aktive, kreative Begleiterscheinung des Schenkens. In der Definition sind der Prozess des Ersetzens und des Ausweichens von Geschenken die funktionalen Elemente. In unserem Sprechen bleiben die Ersetzungsprozesse oft im Verborgenen und Schenkprozesse auf anderen Ebenen schaffen Transparenz.

Das Ersetzen und das Ersetzt-Werden sind die Prozesse, um die es im Benennen und Definieren geht. Was geschenkt wird, ist ein allgemeines Wort, ein soziales Geschenk für ein Objekt. Es wird geschenkt im Zuge einer Reihe von Ersetzungen. Das Bedürfnis, das dabei befriedigt wird, ist nicht primär ein kontingentes Bedürfnis für eine unmittelbare Beziehung zur Welt, sondern ein Meta-Bedürfnis nach Produktionsmitteln für Geschenke (Wörter), die sich auf Dinge beziehen. Vielleicht aufgrund der Stärke der Tauschstruktur (die, wie gesagt, ein Abkomme der Definition ist) richtete sich alle Aufmerksamkeit auf die Prozesse des Ersetzens und Ersetzt-Werdens und die so genannte „passive“ Seite der Beziehung wurde ignoriert. Ohne diese Seite jedoch scheint die Beziehung von Ersetzen und Ersetzt-Werden – oder Ausweichen und Platz-Einnehmen – überhaupt keine Beziehung zu sein. Sprache scheint überhaupt nichts mehr mit dem zu tun zu haben, das ersetzt wurde. Anstelle dessen erscheint sie als unilaterale, rein verbale Aktivität, ohne Beziehung zur Welt; als autarkes System, das arbiträre Laute verwendet, um, bestimmten Regeln folgend, „Bedeutungen“ zu vermitteln (die nicht verstanden werden).

Manchen Philosophen, die das Schenken ignorieren, erscheint die Beziehung von „Hauskatze“ zu Hauskatzen abstrakt, ein Akt sui generis der Sprechenden (oder der Gemeinschaft), die irgendwie „Hauskatze“ mit Hauskatzen gleichsetzen oder Hauskatzen „Hauskatze“ aufzwingen will, um sie von Vögeln oder Hunden zu unterscheiden (vielleicht aufgrund einer „genetischen Ausstattung“). Die einzige Absicht von Kommunikation schiene demnach Kategorisierung zu sein.

Was aber hat Kategorisieren mit Verstehen zu tun? Wir sehen uns mit einer Art des Denkens konfrontiert, die an die des Eigentums erinnert: das einzige, was zählt, ist, Sachen in Kategorien einzuteilen. Die wissensreichste Person ist die, die über die meisten Kategorien verfügt. Angeordnet sind die Kategorien in abgeschlossene und funktionale Hierarchien. Sie transformieren dabei bestimmte sprachliche Ausdrücke, indem sie allgemeine Namen mit immer spezifischeren ersetzen. Satzbäume entstehen, innerhalb derer jede Verbindung von Gesetzen oder Regeln gelenkt wird, die den Kategorien der Satzbäume angemessen erscheinen. Zu guter Letzt werden diese Hierarchien dann mit Verstehen gleichgesetzt.



Ohne Altruismus und dem Auf-Andere-Ausgerichtet-Sein können wir weder Gemeinschaft noch Kultur schaffen. Es gibt keine Gruppe, die als Haufen isolierter EgoistInnen überleben kann. Sozialer Zusammenhalt kann nur vom Schenken und dem Auf-Andere-Ausgerichtet-Sein kommen, Prinzipien, die immer und überall – egal wie versteckt sie sein mögen – von allen und vor allem von Frauen praktiziert werden.

Oft genügt es uns heute nicht, das Bedürfnis der Zuhörenden schlicht in ihrem Verstehen befriedigt zu sehen. Wir fordern andere – „effizientere“ – Erklärungen für ihr kommunikatives Bedürfnis. Dies folgt der gleichen Logik, der zufolge Kaufende ihre materiellen Bedürfnisse monetär definieren müssen, da sie ansonsten für die Verkaufenden noch nicht einmal vorhanden sind.

Der Ansatz einer „unendlichen Semiose“ (unlimited semiosis), der von Charles Sanders Peirce stammt, hält seine (und de Saussures) dekonstruktive Nachkommen in einem unendlichen Regress gefangen, der sich innerhalb der definitorischen Haltung vollzieht, weit weg von der Ebene materieller, schenkender Kommunikation. Ketten von Ersetzungen verleugnen die Wichtigkeit des Präsenten, des bedürfnisbefriedigenden Geschenks.

Gandhis Ideale der Gewaltfreiheit demonstrierten die politische Wichtigkeit des Ausweichens und erlaubte allen zu sehen, was Frauen persönlich längst praktizierten. Das Ausweichen als Antwort auf das Platz-Einnehmen anzuwenden, brachte die Platz-Einnehmenden (unter anderem) dazu, die Auswirkungen ihrer Handlungen auf andere zu begreifen. Schenken und Ausweichen sind die Präsente, die den Beziehungscharakter der Re-präsent-ation unterstreichen.

Das Satzbaum-Diagramm (oder Wurzel-Diagramm)

Eine Kategorie ist eine Sammlung von Dingen, die wichtig genug ist, einen eigenen Namen zu haben. Auf einer meta-linguistischen Ebene etwa benennen Namen wie Nominalphrase (NP) oder Verbalphrase (VP) Arten von Phrasen, da LinguistInnen über diese sprechen müssen. Die Regeln der Syntax zeigen, wie Wörter und Phrasen einander schenken können. Satzbaumdiagramme visualisieren die Schenkbeziehungen als Abhängigkeiten. Diese Diagramme sahen dabei für mich immer so aus als wären sie auf den Kopf gestellt – bis ich realisierte, dass sie keine Baum-, sondern in Wirklichkeit Wurzelsysteme sind, in denen es einen Fluss von Geschenken von unten nach oben gibt (vom Besonderen zum Allgemeinen), und keinen von oben nach unten (vom Allgemeinen zum Besonderen).

Linguistische Kreativität – die Fähigkeit, immer wieder neue Sätze zu produzieren mithilfe einer limitierten Anzahl von Wörtern – wird begleitet und motiviert von der Fähigkeit, die Bedürfnisse zu erkennen, die diese Wörter und Sätze befriedigen sollen. Die kollektive menschliche Praxis der Bedürfnisbefriedigung in Bezug auf Dinge verleiht diesen Dingen Wert, was gleichzeitig für die Wortgeschenke gilt, die sie ersetzen. Sprache funktioniert nicht über eine kategorisierende Beziehung von oben nach unten, sondern über eine kreative Dynamik von Bedürfnisbefriedigung, die sowohl die Sprache als auch das Leben selbst bewegt.

Ich glaube, dass die Bedeutung in den Schenkbeziehungen innerhalb des Satzes liegt und nichts mit einem Zusammenspiel von Kategorien zu tun hat. Wir haben fälschlicherweise den sprachlichen Aspekt des Benennens und Definierens als Erklärung für die Dynamik missverstanden. Es ist nicht die Zuschreibung von Wörtern auf Dinge oder eine Bewegung von der Ebene der nonverbalen Erfahrung zu der Ebene der verbalen Praxis, die Bedeutung erzeugt. Der Prozess, der sich hier vollzieht, ist ein anderer – einer, den wir nicht richtig verstehen.

Im Benennen bzw. Definieren geben wir einer Gruppe von Dingen einen Namen, auf den sie sich beziehen können (weil er sie ersetzt). Wir geben dem Namen dabei auch etwas vom Wert dieser Dinge, nämlich das, was an ihnen für uns Menschen an Bedeutung ist. Wir tun dies, weil in Bezug auf Aspekte dieser Dinge kommunikative Bedürfnisse bestehen. Der Name (das verbale Ersatzgeschenk) hat die Aufgabe, dabei zu helfen, diese zu befriedigen. Dies mag durchaus auch für die Befriedigung materieller Bedürfnisse von Bedeutung sein. Deutlich wird das in Sätzen wie: „das Brot ist im Regal“, oder: „der Zug fährt vom Bahnsteig 12“. Es gibt hier einen nach oben laufenden Fluss an Bedeutung oder Wert, ausgehend von der Welt, deren Teil wir sind. Es handelt sich hier nicht nur um Zuschreibungen von oben nach unten oder um das Erstellen von Kategorien. Eine Meta-Sprache ist nur eine hierarchische Sammlung kategorisierender Begriffe, ein Sprachparasit, dem keine eigene Schenkdynamik zukommt.

Die Verästelung eines Satzbaumes sollte tatsächlich als das Zusammenkommen von Elementen gesehen werden, die einander schenken können, bzw. als eine kooperative Ansammlung von Begriffen. Wir können das Wort „das“ schenken, oder „das“ kann sich selbst dem Wort „Mädchen“ schenken. Diesen Geschenksakt nennen wir „Nominalphrase“. Dann kann diese das Verb „werfen“ jener Phrase schenken, die gebildet wird, wenn sich das Wort „den“ dem Wort „Ball“ schenkt. Wir können diese Phrasen in Diagramme zusammenfassen, indem wir ihnen Namen geben wie „Bestimmungswort“, „Nominalphrase“, „Verb“, „Satz“. Sie sagen uns, wer die Schenkenden, was die Geschenke und wer die Beschenkten sind. Wir können darüber hinaus sagen, dass wir Teile des Satzes – wie „das Mädchen warf den Ball“ – Wörtern wie „Nominalphrase“ schenken, damit diese sie ersetzen können.

Leider glauben wir, dass wir nur dann wirklich etwas wissen können, wenn wir eine Hierarchie erstellt haben. Wir wissen dann, wer wen kontrolliert, und wir können uns in einer solchen Ordnung besser orientieren. Doch hat dies zur Folge, dass wir den Geschenken und Werten gegenüber blind werden, die von unten nach oben fließen.

Der Satzbaum ist derjenige im Garten, den wir Adams Benennen verdanken. Wörter verbinden sich in Sätzen nicht, weil sie kategorisiert werden oder Regeln folgen, sondern weil sie einander schenken, miteinander in Beziehung treten und sich dann zusammen einem anderen Wort oder einem Teil des Satzes schenken. Sie können dies tun, weil sie zuvor selbst von Dingen (wie von Menschen) beschenkt wurden. Wenn wir den Fluss von unten nach oben leugnen, dann erscheint es so, als wäre das einzige, was es gibt, der Benennungsmechanismus von oben nach unten. Damit wird es für uns unmöglich zu erkennen, in welchem tatsächlichen Verhältnis das Benennen zur Welt steht.

Die Frage sollte nicht sein: „Wo teilt sich der (fraktale) Baum in Äste?“, sondern: „Wie entsteht das Wurzelsystem, das die Geschenke und die Werte nach oben klettern lässt?“ Die Fragen sind: „Wer trägt wen?“, und: „Wer versorgt uns (mit Wörtern)?“ Der Benennungsmechanismus? Oder der Schenkmechanismus?

Maskulisierung

Es mag so scheinen, als würden das Geheimnis der Beziehungen der (von der Syntax geregelten) Wörter in diesen selbst liegen. Ich glaube jedoch, dass dies eine Illusion ist, die von der Geschlechtsdefinition herrührt und die das Ersetzen weiter problematisiert.

Was passiert, wenn ein Bube als Kind lernt, dass er einem anderen Geschlecht zugeschrieben wird als seine schenkende Mutter? Wie in anderen Fällen des Benennens und Definierens wird er (als „Ding“) dazu veranlasst, dem Namen bzw. dem Definiendum „Bube“ als nonverbalem Geschenk Platz zu machen bzw. auszuweichen. Bevor er versteht, was die Erwachsenen sagen, denkt er, er sei so wie seine Mutter. Sobald er jedoch beginnt, die Implikationen des ihm zugeschriebenen Geschlechtsbegriffs zu begreifen, muss er erkennen, dass er nicht so sein soll wie sie. Sein Als-Bube-Definiert-Werden (bzw. die Implikationen sozialer Definitionen von „Männlichkeit“) veranlasst ihn dazu, das Schenkprinzip aufzugeben, um sich von seiner Mutter zu abzutrennen. (Siehe Grafik 5.) Seine Geschlechtsdefinition ist viel schädlicher als wir denken.

Nachdem sein Leben von der Fürsorge seiner Mutter abhängt, macht es dem Buben Angst, sich ändern zu müssen bzw. so zu sein wie sein Vater. Er soll nunmehr jemandem entsprechen, den er gewöhnlich nicht besonders gut oder nur als abstrakten Herrscher kennt. Auch das Wort „Bube“, das jetzt seinen Platz eingenommen hat und von nun sein Geschlecht und ein entsprechendes Verhalten bestimmen soll, ist ihm nicht vertraut. Das Ersetzen, das eigentlich nur ein Teil des Definitionsprozesses ist, rückt sich selbst ins Zentrum und nimmt den Platz des Geschenks ein, das seinerseits ausweicht. Die Kategorisierung wird mächtiger als die Kommunikation. Wörter sind nicht länger bescheidene kommunikative Geschenke, sondern magische Zauberstäbe, die die Identität des Kindes ändern.

Die Frage: „Was ist ein Mann?“ kommt wirklich von der Frage: „Wie unterscheidet sich ein Mann von seiner Mutter?“ Die Antwort ist, dass dies eine falsche Frage ist. Er unterscheidet sich nicht wirklich von seiner Mutter, er ist eigentlich wie sie: ein fürsorgliches Wesen, doch wird aufgrund seiner Geschlechtsdefinition gezwungen, die zu einer self-fulfilling prophecy wird, gezwungen sich zu ändern.

Nachdem es nur ein Wort ist, das den Buben auf andere Bahnen lenkt, erscheinen Wörter als äußerst mächtig. Und nachdem sein Vater vor ihm die gleiche Erfahrung hatte, finden Männer hier Gemeinsamkeit. Dem Buben – oder irgendwem sonst in der Gesellschaft – ist nicht klar, dass hier eine willkürliche und falsche Unterscheidung getroffen wird. Die Gesellschaft interpretiert den Unterschied des Buben zu seiner Mutter mit Verweis auf seine Genitalien bzw. auf das biologische Faktum, dass er einen Penis hat. Damit ist er dem Vater gleich, nicht der Mutter. Aber wenn Fürsorge die Basis für Kommunikation und Gemeinschaft ist, dann haben oppositionelle Geschlechtskategorien in Wirklichkeit weder Bedeutung noch Inhalt. Um diese Leere zu füllen, werden das Ersetzen, Definieren und Kategorisieren selbst der Inhalt der (maskulinen) Identität derjenigen, denen gesagt wird, dass sie keine Fürsorger sind.

Wörter sind in diesem Fall keine Geschenke, sondern sie werden sozial als mächtige abstrakte Kategorien auferlegt, die die Identität einer Person bestimmen und kontrollieren. Gemäß des Überlebensmechanismus, den Unterdrücker zu imitieren, werden die Buben dann wie das Wort – so wie es ihre Väter vor ihnen getan hatten. Männliche Geschlechtsidentität imitiert das Benennen oder den definitorischen Aspekt der Sprache sowie den Prozess des Platz-Einnehmens. Sie verleiht der Gleichung Gewicht, in diesem Fall mit Bezug auf den Vater, der nun sowohl den Platz der Mutter einnimmt (die ihrerseits ausweicht) als auch den anderer Männer. Der Penis spielt darin eine entscheidende Rolle, da es dieses physische Charakteristikum ist, dass den Buben in eine Kategorie mit dem Vater stellt.

Phallische Symbole sind überall, auch wenn wir gelernt haben, sie nicht wahrzunehmen und ihre Wichtigkeit zu negieren. Der Gleichung selbst – als Moment von Gleichsetzung und Tausch – wird von den meisten Menschen geschenkt: sie erhält deren Aufmerksamkeit und bezieht Wert von ihnen. Das Istgleichzeichen (=) besteht womöglich ursprünglich aus zwei kleinen phallischen Symbolen. Es ist dieses Charakteristikum (oder Eigentum), das der Bub hat und die Mutter nicht, welches ihn aus der Kategorie der Fürsorge (der Kategorie der Mutter) entfernt. Die psychosozialen Konsequenzen des Habens bzw. Nicht-Habens dieses physischen Charakteristikums sind enorm.

Der Bube erhält viele Privilegien. In der Tat wird ihm oft mehr Fürsorge zuteil, weil er männlich ist, als ihm zuteil geworden wäre, wäre er ein Mädchen gewesen (wie seine Mutter). Er wird oft als überlegen angesehen, selbst seiner Mutter gegenüber. Wie das Wort hat er die Fähigkeit des Platz-Einnehmens, was – in der Abwesenheit des Auf-Andere-Ausgerichtet-Seins und Schenkens – zu Verdrängung und Herrschaft führt. Diese Fähigkeit und diese Privilegien sind sein Lohn für die Aufgabe der fürsorglichen Identität.

Ich habe das Wort Maskulisierung für diesen Prozess geprägt, in welchem der Bube im Rahmen einer falschen, nicht-fürsorglichen Identität sozialisiert wird bzw. dem Wort („Bube“ – später: „Mann“), das ihn ursprünglich seiner selbst entfremdet hat, realen Ausdruck verleiht. Ich halte dies für einen entscheidenden Moment in der männlichen Entwicklung, doch wird er nicht erkannt und vermag sich daher in den unterschiedlichsten Lebensbereichen zu reproduzieren. Als Gemeinschaft hoffen wir unbewusst, uns im Zuge dieser Reproduktionen des selbst geschaffenen fatalen Makels entledigen zu können. Doch gleichzeitig gibt es eine Reihe von Mechanismen, die den Makel in Platz halten und uns davon abhalten zu sehen, was wirklich vor sich geht.

 

return to top

webmaster